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Tschernobyl-Kinder-Kur : Bewegendes Happy-End für Anna

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ehemaliges Tschernobyl-Kind der ersten Stunde besucht Neumünster: Viele Erinnerungen an schwere, aber auch glückliche Zeiten / Heute ist die junge Frau gesund

Neumünster | Im Sommer 1993 kam die kleine Anna nach Neumünster. Es war eine große Reise für die damals Neunjährige, die aus Kiew kam und zu den ersten Tschernobyl-Kindern gehörte, die sich bei der Reha-Kur von Eberhardine Seelig nach Krebserkrankungen und Chemotherapie erholten. Heute ist Anna (30) eine fröhliche und vor allem gesunde junge Frau – und besucht jetzt Neumünster. Es sind Tage mit bewegenden Erinnerungen an die schweren, aber auch glücklichen Zeiten.

Anna hieß damals Medwedewa mit Nachnamen, kam aus Wischnewe, einer kleinen Stadt bei Kiew, litt an Leukämie und war durch die Strahlen- und Chemotherapie körperlich und seelisch völlig desorientiert, erinnert sich Eberhardine Seelig. „Sie hat vier Wochen nicht gelacht, nicht geweint. Sie konnte schlecht gehen, schaffte es gerade mal bis zum Schaukelpferd.“ Die Reha-Organisatorin beschloss: Anna muss wieder hierher kommen. Im zweiten Jahr lächelte Anna schon ein bisschen, schloss einige Freundschaften. Parallel musste sie Medikamente nehmen. Es war klar: Anna brauchte mehr Bewegung – und kam ein drittes Mal nach Neumünster. Endlich wurde eine Besserung sichtbar: Anna beschäftigte sich mit den Jüngeren und bekam eine Patenfamilie bei Bodo Braker, dem damaligen AOK-Chef. Die Paten sorgten fortan für Geld, gesunde Nahrung, ein Fahrrad, später Bücher fürs Studium. Daheim in der Ukraine waren die Verhältnisse schmal: Ihre Mutter Nadeschda, heute 64 Jahre alt, musste als Alleinerziehende ihre Tochter und ihre kranke Mutter versorgen, arbeitete als Ingenieurin. Geld für gesunde Nahrung war nicht da, auch wenn alle satt wurden. Anna war krank und musste sich trotzdem um die kranke Oma kümmern, weil die Mutter tagsüber zur Arbeit war. „Es waren schwere Jahre“, sagt Anna heute. Doch sie hielt durch, hatte den Willen, es zu schaffen. Sie ging zur Schule bis sie 17 war, absolvierte ein Fernstudium von zu Hause aus, schaffte den Abschluss. Während des Studiums arbeitete sie unter anderem als Sekretärin. Das waren Tage, die von 8 bis 23 Uhr dauerten.

Während dieser Jahre hielten die Seeligs immer Kontakt zu ihr, reisten 1997 mit einer Delegation aus Neumünster nach Kiew. Zur Gruppe gehörte Brigitte Thimm aus Latendorf, die 35 Jahre im FEK als Krankenschwester arbeitete. Die 69-Jährige erinnert sich an die Zustände in der Ochmadit-Klinik: „Wir haben einen Schock gekriegt, unter welchen Bedingungen gearbeitet wurde.“ Sie blieb dem Kinder-Kur-Projekt treu: „Das ist herzerwärmend. Vor allem die Kinder, wie sie erst krank und schüchtern ankommen, dann aufblühen.“

Bei der Begrüßung schließt sie Anna herzlich in die Arme. Die Unterhaltung läuft auf Deutsch, denn Anna lernte unsere Sprache und kam 2001, 2002 und 2003 als Betreuerin nach Neumünster. Sie sagt: „Wenn ich den Kindern erzähle, dass ich auch mal hier war und sie sehen, wie gesund ich bin, gibt ihnen das Hoffnung. Denn die Angst vor einem Rückfall, die Angst zu sterben, die ist immer da.“ Daher engagiert sie sich auch in der ukrainischen Kinderkrebshilfe, der von Eberhardine Seelig gegründeten Wohltätigkeitsorganisation in der Ukraine.

Seit 2009 ist Anna Dozentin für Deutsch an der Staatlichen Marine-Akademie in Kiew und heißt Momot mit Nachnamen. Ihr Mann Victor (41) ist ebenfalls dort Dozent; sie heirateten 2010. Die Seeligs überraschten das Paar und spendierten die aktuelle Reise als verspätete Flitterwochen. Anna lächelt: „Ich habe mein zweites Zuhause hier in Neumünster.“

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erstellt am 05.Aug.2014 | 06:45 Uhr

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