Traditionelles Turmkonzert : Besinnliche Botschaft von ganz oben

Trotz des Nieselregens war der Großflecken beim 20. Turmkonzert gut gefüllt.
Trotz des Nieselregens war der Großflecken beim 20. Turmkonzert gut gefüllt.

Fast 3000 Zuhörer kamen zum 20. Turmkonzert auf den Großflecken. Der Oberbürgermeister erinnert an Opfer des Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlags.

Avatar_shz von
27. Dezember 2017, 08:00 Uhr

„Der Wind zieht uns ja richtig aus den Fenstern raus!“, rief Angelina Kirsch (29). Die Tubaspielerin und die anderen Musiker mussten Heiligabend ihre Noten gut festklammern, denn es pfiff ein stürmischer Wind um die Gebäude an der Holstenstraße. Beim 20. Turmkonzert herrschte Nieselregen, Böen zupften an den Notenblättern und den Zuhörern. Doch trotzdem strömten fast 3000 Menschen an Heiligabend auf den Großflecken, um sich bei dem Weihnachtskult auf das Fest einzustimmen.

„Ich müsste sonst arbeiten, aber heute ja nicht. So kann ich das richtig genießen“, freute sich Ilona Rätsch (48) aus der Innenstadt. Sie war mit Rehpinscher Pino, Schwester Gunda Rave (47) und Mann Oliver (52) gekommen. Genau so ging es Cornelia Stöhring (45) aus Gadeland: „Meine Schwester Daniela hat mich mitgeschnackt, sie hat mir immer vorgeschwärmt, wie schön es hier ist.“

Nach der Einstimmung durch die jazzenden „Swingenden Nikoläuse“ lauschten die Menschen, als die Turmmusikanten mit „Alle Jahre wieder“ und „Leise rieselt der Schnee“ loslegten, gefolgt von „Ihr Kinderlein kommet“, „Oh Tannenbaum“ und dem andächtigen „Gloria in excelsis Deo“. Besonders schön gelangen die Passagen, bei denen Solisten von beiden Türmen herab musizierten. Hans-Georg Wolos dirigierte eine Stunde lang mit Fingerhandschuhen und dicker Jacke von der Hubsteigerkanzel aus.

Kurz klinkte sich OB Dr. Olaf Tauras mit seiner Ansprache ein: „Unsere Gedanken sind immer noch bei den Opfern des Berliner Attentats. Aber die Besucherzahl des Weihnachtsmarkts und des Turmkonzerts zeigt, dass wir uns von diesem Geschehen nicht unterkriegen lassen.“ Er lobte das Engagements von Organisator Horst Schrinner: „Großartig, was Du auf die Beine gestellt hast. Du tust es, weil Du ein herzensguter Mensch bist.“ Schrinner dankte allen Unterstützern – und als er den Mietern der Holstenstraße dankte („das ist schon eine außergewöhnliche Leistung, am Heiligabend die Bude voll zu haben“), brandeten frenetischer Beifall und Jubelpfiffe von der Menge auf.

Propst Stefan Block war erstmals dabei: „Das ist ein ganz wunderbares Konzert, die Lieder gehen zu Herzen. ,Vom Himmel hoch‘ hatte Martin Luther als Einstimmung zur Bescherung für seine sechs Kinder geschrieben“, sagte er.

Kleines technisches Malheur: Kurz bevor Christina Heeschen ihr „Ave Maria“ anstimmen wollte, fiel das Mikro aus. Doch sie ließ sich überreden und sang engelsgleich ohne Verstärker. Auch Musicaldarsteller Christian Funk zelebrierte ein wunderschönes „Halleluja“, in das die Menge mit einstimmte. „Das haben sie sensationell gemeistert“, freute sich Horst Schrinner, der Christina Heeschen mit Tränen in den Augen dankte.

Im Finale kam mit rund 60 Sängern diverser Chöre, die „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ anstimmten, richtig schöne Weihnachtsstimmung auf. Musiklehrer Ingo Schlünzen sorgte mit Blick auf Wolos für die Harmonie zwischen Sängern und Turmmusikern.

Am Ende waren alle irgendwie nass, ob Akteure oder Zuschauer, und die Kälte kroch in die Knochen. Doch das tat dem Ganzen keinen Abbruch: „Ich fand’s wunderbar. Die ganze Atmosphäre war toll. Nach dem Einkaufsstress war das eine schöne Gelegenheit, bedächtig zu werden und herunterzukommen“, stellte Cornelia Stöhring fest.

„So fängt Heiligabend an. Nicht nur die da draußen treffen sich alle, auch wir“, stellten Posaunistin Melanie Lettau(46) und Tubaspieler Martin Reichel vom SVT-Blasorchester fest. Beide spielen schon lange mit – sie seit 15, er seit neun Jahren. „Es ist ganz großartig, was Horst Schrinner da seit 20 Jahren macht“, lobte Gisela Saathoff. Die zweite Vorsitzende des Chors Einigkeit Wittorf war mit ihrer Tochter Julia wie seit zehn Jahren gekommen, um im Finale mitzusingen: „Das Turmkonzert ist Tradition für uns. Sonst fehlt uns die Weihnachtsstimmung.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen