Girls' und Boys' Day : Berufetausch für Jungs und Mädchen

Feilen und schrauben: Einen Schmuckhalter fertigten (von links) Benita Neumann (14), Jolina Rösch (13), Luise Griem (12) und  Jasmin Szameitat (14) aus Neumünster und Boostedt an.
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Feilen und schrauben: Einen Schmuckhalter fertigten (von links) Benita Neumann (14), Jolina Rösch (13), Luise Griem (12) und Jasmin Szameitat (14) aus Neumünster und Boostedt an.

Schüler erhielten einen Einblick in die für ihr Geschlecht „untypischen“ Berufe: Mädchen probierten technische Berufe, Jungen assistierten in der Kita.

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28. März 2014, 07:30 Uhr

Neumünster/Wasbek | Sägen kreischten, Gabelstapler flitzten vorbei, es roch nach Funkenflug: Inmitten von Eisenbahnwaggons standen gestern zehn Schülerinnen aus Neumünster und dem Umland im Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn an Schraubstöcken, feilten, bogen und schraubten. Sie nahmen am bundesweiten Girls’ Day teil, um in technische Berufe hineinzuschnuppern, die eher mädchenuntypisch sind – so zumindest das landläufige Klischee.

Doch alle stellten sich schon ganz geschickt auf dem „Junior-Gleis“ an –mit ein wenig Anleitung von Ausbildungsfachvermittler Tobias Stegelmann und einem Azubi-Team. Angefertigt wurde ein stählerner Schmuckhalter mit dem Schriftzug „DB-Girls-Day“. An einem Blech mussten die Ecken rund abgefeilt werden, scharfe Kanten abgeschliffen und Haken gebogen werden, an die Hakenenden wurden Gewinde geschnitten. Das erforderte Präzision, Konzentration und ein bisschen Kraft. Helena Lewin von der Hohen-Geest-Schule aus Hohenwestedt war in die Hocke gegangen und feilte die scharfen Kanten am Blech von unten ab. „Doch, es ist anstrengend, aber es macht Spaß“, sagt die 14-Jährige. Sie kam über ihre Freundin Hannah Rehder zum Girls’ Day bei der Bahn, da deren Vater hier arbeitet. Jasmin Szameitat (14) von der GS Brachenfeld wurde von ihrem Techniklehrer aufmerksam gemacht: „Ich möchte später auch etwas Technisches oder Handwerkliches machen und eventuell ein Praktikum hier machen.“

Davor hatte Stegelmann die Mädchen durchs Werk geführt, ihnen einen Film gezeigt und ihnen erläutert, wie man die „Steckbriefe“ an den Waggons liest. In dem Ausbesserungswerk arbeiten zurzeit 620 Mitarbeiter; 2014 stehen 282 Revisionen von Zügen auf dem Plan. Eine Revision entspricht dem Tüv bei Autos.

Tjorven und Lennart spielten Erzieher in der Kita Wasbek

Weniger als zehn Prozent der Auszubildenden im Bereich Erziehung sind Männer. In der Kindertagesstätte Wasbek bestätigt sich das Bild: Von 17 Erzieherinnen und sozialpädagogischen Assisteninnen sind 15 Frauen. Tjorven Harder (13) und Lennart Meyer (12) ließen gestern den Männeranteil hochschnellen: Die beiden Schüler aus Wasbek schnupperten am „Boys’ Day“  in einen typischen Frauenberuf hinein.

Statt Mathe, Englisch und Geschichte stand Topf schlagen, Basteln  und  Vorlesen auf dem Stundenplan von Tjorven und Lennart. Ihre Lehrerinnen hatten sie auf die Idee gebracht, sich am Jungen-Zukunftstag – der Aktionstag soll offiziell auch in der deutschen Sprache sein Ziel transportieren – zu beteiligen. Viel Überzeugungsarbeit mussten sie bei den Jungs wohl nicht leisten. „Fast alle unsere Freunde machen beim Girls’ und Boys’ Day mit“, sagt Lennart.  „Wer sich keinen Platz gesucht hat, muss schlimmstenfalls den Bioraum aufräumen“, ergänzt Tjorven.

Aber das sei nicht ihre Motivation gewesen. Beide wissen noch nicht genau, was sie später einmal werden wollen und sind froh darüber, Eindrücke im Berufsleben sammeln zu können. Für die Kindertagesstätte Wasbek haben sich beide entschieden, weil sie selbst früher hier betreut wurden. Ob der Beruf des Erziehers tatsächlich für sie in Frage kommt, wussten die Schüler gestern noch nicht abschließend. Spaß mache ihnen die Arbeit aber sehr. 

Für den Job geeignet wären sie sicherlich, hat Andrea Rühmann, die Leiterin der Bienen-Gruppe,  beobachtet:  „Die anfängliche Zurückhaltung haben sie sofort abgelegt, als die Kinder mit ihnen spielen wollten.“ Erziehung sei eben nicht per se Frauensache. „Wir haben immer mehr männliche Praktikanten“, weiß Rühmann. Aber das Gehalt sei häufig der Grund, warum sich die Männer doch noch für einen anderen Beruf entscheiden. „Davon allein können die wenigsten eine Familie ernähren.“

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