Neumünster : Beleidigungen und eine große Geste

Bei einer Auslieferung wurde ein 30-Jähriger übel beschimpft und angegriffen.
Bei einer Auslieferung wurde ein 30-Jähriger übel beschimpft und angegriffen.

56-Jähriger wegen Körperverletzung angeklagt. Verfahren wurde eingestellt.

shz.de von
17. Mai 2018, 10:00 Uhr

Neumünster | Es ging um üble ausländerfeindliche Äußerungen und einen Schlag in den Bauch – und am Ende war es eine große Geste des Opfers, die den Angeklagten vor einer Strafe bewahrte. Das Verfahren gegen einen 56-jährigen Neumünsteraner wegen Körperverletzung und Beleidigung wurde gestern vor dem Amtsgericht eingestellt.

Das Opfer, ein 30-jähriger Mann aus Nordrhein-Westfalen, hatte im Mai 2017 mit einem Lkw an der Altonaer Straße geparkt, um sperrige Waren für ein Geschäft auszuliefern. Dabei blockierte er zum Teil den Geh- und Radweg vor dem Geschäft. Das störte den Ordnungssinn des Angeklagten derart, dass dieser den Mann mit Migrationshintergrund wüst ausländerfeindlich beschimpfte. Was dann geschah, konnte das Gericht aufgrund unterschiedlicher Aussagen nicht vollständig klären. Unstrittig ist, dass das Opfer den 56-Jährigen festhielt, bis die von Zeugen alarmierte Polizei eintraf. Währenddessen versetzte der aufgebrachte Passant dem 30-Jährigen einen Schlag in den Bauch. Dieser klagte anschließend über Schmerzen und wurde ambulant im Krankenhaus versorgt, bevor er seine Ausliefertour fortsetzen konnte.

Der Angeklagte war vor Gericht mit einem Betreuer erschienen. Er sei psychisch krank und nicht in der Lage, Alltagssituationen adäquat zu bewältigen, erläuterte dieser. Der Angeklagte selbst beschrieb stockend, wie wütend er wegen des vermeintlichen Parkverstoßes war und räumte auch die Beschimpfungen ein. „Durch meinen Bluthochdruck gehe ich hoch wie eine Rakete“, sagte er von sich selbst. Geschlagen habe er aber nicht. Das könne er aufgrund einer langwierigen Verletzung im rechten Arm gar nicht.

Das Opfer trat als Zeuge auf und beschrieb, wie er den Lkw am Straßenrand parken musste, um genügend Platz für Rettungswagen und Feuerwehr zu lassen. „Alles so, wie ich es gelernt habe.“ Der Angeklagte sei auf ihn zugekommen, habe ihn mit schlimmen Worten beleidigt. „Der war gleich auf 180. Er war echt aggressiv!“ Den im Polizeiprotokoll niedergelegten Wortlaut mochte der Mann nicht wiederholen.

Am Ende entschuldigte sich der Angeklagte, der seit einigen Tagen in einer Behinderteneinrichtung arbeitet, auf Anraten des Gerichtes für den Vorfall. „Ich kann da nichts für, ich bin so aufbrausend. Es tut mit leid.“ Über seinen Schatten springen konnte er dennoch nicht und belehrte den Zeugen. „Aber Sie haben auch etwas falsch gemacht.“ Der 30-Jährige, der aus Duisburg zum Prozess gekommen war, nahm die Entschuldigung an und sagte freundlich zu dem Angeklagten: „Es ist nicht schlimm, aber bitte tun Sie sowas nicht wieder.“ Dann stand er auf und reichte ihm die Hand. Staatsanwaltschaft wie Gericht erkannten keine politisches Motiv hinter den Beleidigungen. Unter Berücksichtigung der Beeinträchtigungen des Angeklagten , der Entschuldigung und des Handschlags stellte der Richter das Verfahren ein.

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