Neumünster : Beide Seiten müssen noch lernen

Isabel Frey-Ranck betreut seit 2014 Flüchtlinge seelsorgerisch.
Isabel Frey-Ranck betreut seit 2014 Flüchtlinge seelsorgerisch.

Flüchtlingsseelsorgerin Isabel Frey-Ranck spricht über nötige Maßnahmen in der Erstaufnahme und wie man Integration verbessern kann.

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17. August 2018, 12:00 Uhr

Neumünster | Isabel Frey-Ranck ist seit zehn Jahren Pastorin in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche. Seit dem Hungerstreik von Asylsuchenden in der Erstaufnahmestelle 2007, bei dem gegen die Unterbringungsbedingungen ohne Außenkontakt protestiert wurde, engagiert sich die Kirchengemeinde in der Flüchtlingsarbeit. Seit 2014 betreut die 51-Jährige die Flüchtlinge seelsorgerisch und bietet offene, muttersprachliche Sprechstunden an. Mit Courier-Redakteurin Gunda Meyer spricht die Pastorin über ein mögliches Ankerzentrum, wie Flüchtlinge die Debatte empfinden und was man verbessern kann.

Frau Frey-Ranck, wie bewerten Sie, dass Neumünster ein Ankerzentrum für Flüchtlinge werden könnte?
Ich bin gespannt, wie die Politik sich entscheiden wird. Soweit mir bekannt, sind die bisherigen Erfahrungen der Stadt mit der Erstaufnahme insgesamt gut. Seit dem Hungerstreik der Asylsuchenden haben beide Seiten gelernt, dass die Flüchtlinge unbedingt externe Anlaufstellen, Angebote, Kontakte und Verfahrensberatungen benötigen, um sich in der Wartezeit zu stabilisieren. Es dauert einfach lange, bis jeder Einzelfall adäquat geprüft ist. Die Erstaufnahme arbeitet bereits so ähnlich wie ein Ankerzentrum: Man bemüht sich um zeitnahe Entscheidungen, klare Perspektiven für die Betroffenen. Die ohne Bleiberecht werden nicht auf die Kommunen verteilt.

Was wäre für ein solches Zentrum zwingend notwendig?
Erstens: An der stadtweiten Bewegungsfreiheit der Asylsuchenden sollte sich nichts ändern. Ihre Unterbringung darf keinen Haftcharakter haben, Asyl zu beantragen ist ein gutes Recht in unserem Staat. Und wenn man vermeiden will, dass sich Vorbehalte und Aggressionen gegenüber Geflüchteten – und umgekehrt – bilden, darf so eine Erstaufnahme keinesfalls zu einem in sich abgeschlossenen Fremdkörper in der Stadt werden. Orte der Begegnung und Gelegenheiten zum Austausch sind die beste Prävention und bereichern alle Seiten langfristig.

Zweitens: Die Betroffenen brauchen dringend externe seelsorgerische Begleitung, konstante Stabilisierung, warmherzige Aufnahme und externe (Verfahrens-) Beratungsmöglichkeiten. Ständig auf dem Gelände der Erstaufnahmestelle bleiben zu müssen, würde bedeuten, unablässig an Traumatisierungen, Ängste und die eigene Ohnmacht erinnert zu werden, noch dazu ohne eine Aussicht oder einer gewissen Normalität.

Drittens: Es sind wesentlich mehr erfahrene Entscheider vor Ort nötig als bisher, damit zügig über die Asylanträge entschieden werden kann.

Viertens: Bei einer zentralen Unterbringung muss die Verhältnismäßigkeit zur sonstigen Bevölkerung des Stadtteils berücksichtigt werden. Bis zu 1675 Asylsuchende angesichts von insgesamt 4500 Einwohnern, wie in Boostedt, sind nicht zu verkraften. Das wurde bereits sehr deutlich.

Fünftens: Es sollte bei gemischten Bleibeperspektiven in einer zentralen Unterbringung bleiben, damit sich die Betroffenen auch untereinander stützen können und die Stimmung intern und auch unter den haupt- und ehrenamtlich Tätigen nicht „kippt“.

Sechstens: Umfangreiche Sanierungs- und Erweiterungsarbeiten sollten vorgenommen werden für die Unterbringung der Asylsuchenden, aber auch für die Mitarbeiter des Bundes-und Landesamts für Migration und Flüchtlinge, sowie für die Betreuungsarbeit des DRK. Der Zustand der Kaserne wurde bisher in keinster Weise verändert. Das ist für die Arbeit vor Ort eine Zumutung.

Wie kommt die Debatte bei den Flüchtlingen an?
Viele Asylsuchende bedrückt und belastet die ständige Debatte um die Flüchtlingspolitik. Sie fühlen sich abgelehnt, haben den Eindruck, nichts als eine Last zu sein, eine ohnmächtige Verschiebemasse. Das kommt zu ihren ohnehin schweren Schicksalen noch frustrierend dazu und erschwert das Ankommen erheblich. Im Rahmen unserer gemeindlichen Arbeit kann ich aber sagen, dass sich sehr viele Menschen für die Asylsuchenden interessieren und engagieren. Und nach wie vor kommen sehr viele Flüchtlinge zu uns, auf der Suche nach Hilfe und Begleitung. Viele möchten schnell Deutsch lernen, sich aktiv und kreativ einbringen. Sie sehnen sich danach, auf- und angenommen zu sein.

Es wird davon gesprochen, dass einige Flüchtlinge durch negatives Verhalten auffallen. Wie gehen Sie als Seelsorgerin damit um?
Wie überall gibt es auch unter den Flüchtlingen und Migranten Menschen, die durch ihr negatives Verhalten, ihre überhöhten Ansprüche oder Egoismus auffallen. Das kenne ich aber auch aus unserer deutschen Gesellschaft. Ich habe allerdings nicht den Eindruck, dass das unter den Asylsuchenden ausgeprägter ist als bei uns. Insbesondere mit Aggressionen oder Pöbeleien habe ich bisher keine schlechten Erfahrungen gesammelt. Als Seelsorgerin versuche ich generell, Menschen in Krisen zu stabilisieren und zu begleiten und mit ihnen in Gesprächen und Gebeten einen guten Weg zu suchen.

Wie sollte man mit gewaltbereiten Flüchtlingen umgehen?
So, wie mit allen anderen gewaltbereiten Menschen in Deutschland auch. Wichtig sind intensive Präventions-und Integrationsmaßnahmen. Gruppen und Kreise, in denen es um Inklusion geht, um gemeinsames arbeiten, singen oder lernen, könnte es erheblich mehr geben.

Warum schlägt Ihrer Meinung nach die Stimmung derzeit so massiv um?
Aus meiner Sicht schlägt die Stimmung gar nicht so massiv um. Ich bin davon überzeugt, dass noch immer der Großteil unserer Gesellschaft Asylsuchenden und Migranten gegenüber verständnisvoll und eher offen gegenübersteht. Allerdings kann ich eine deutliche Ermüdung unter vielen Ehrenamtlichen und eine nachhaltige Frustration in unserer Gesellschaft bemerken. Das liegt daran, dass die Migrationsproblematik nicht zufriedenstellend gelöst ist. Hintergrund dafür ist die fehlende, einheitliche europäische Asylpolitik, die dazu führt, dass die Lasten unter den Ländern ungerecht verteilt sind. Außerdem werden noch immer viel zu wenige Hilfen in die betroffenen Länder gegeben, die eine Flucht nach Europa überflüssig machen könnten. Wo die Integration nicht gelingt, wo Menschen unter sich bleiben, sich abgrenzen – aus welchen Gründen auch immer– wachsen Vorbehalte und Übergriffe unglaublich schnell. Dies gilt für In- wie Ausländer.

Was kann man tun, um das Zusammenleben auf einen guten Weg zu bringen?
Begegnungen, Austausch, Patenschaften, eine langfristige Prozessbegleitung und entwicklungsfähige Arbeitsplätze sind wichtig, damit Menschen in unserem Land und unserer Kultur ankommen können. Dazu gehört auch das aktive Gespräch über den Glauben. Das Auslassen dieser Thematik ist kein Zeichen von Toleranz. Umgekehrt ist es aber auch wichtig, dass diejenigen, die dauerhaft hier leben wollen, sich in unserem Staat und unserer Kultur aktiv beheimaten und sich nach und nach auch selbst engagieren: sprachlich, rechtlich und auch kulturell. Hier sollten Rechte und Pflichten besser verteilt werden.

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