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Asylverfahren : Bei jedem Fehler droht die Abschiebung

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Wie funktioniert Asyl in Deutschland? Rund 70 Flüchtlinge informierten sich im Café Vis à Vis über Abläufe und Fallstricke des Verfahrens.

Neumünster | Die Stimmung ist gespannt, das Gewirr der Sprachen bunt, und im Raum liegt der Duft von Kaffee: Das Café Vis à Vis an der Tizianstraße gleicht einem Bienenstock. Rund 70 Zuhörer sitzen an sechs Tischen, und alle wollen dasselbe wissen: Wie funktioniert Asyl in Deutschland, wer hilft mir? Eingeladen hat dazu die Flüchtlingsberatung des Diakonischen Werks, die auch das Café gegenüber der Flüchtlingsunterkunft in der früheren Scholtz-Kaserne am Haart betreibt.

Die meisten Besucher sind alleinstehende Männer, aber auch Mütter und Väter mit kleinen Kindern sind da. Sie stammen aus Syrien, Afghanistan oder dem Iran. Viele sind erst seit wenigen Tagen in Neumünster. Die Wege, auf denen sie nach Deutschland gekommen sind, waren oft verschlungen und beschwerlich. „Viele Flüchtlinge kommen durch Schleuser ins Land, sind tagelang unterwegs, oft eingepfercht in Lastwagen“, sagt Rike Müller von der Diakonie.

Ein Blick in die Gesichter der Asylbewerber macht deutlich: Die meisten von ihnen wissen nicht, wie es für sie weitergehen wird. Eine bedrohliche Zahl steht permanent im Raum: Zwei Drittel aller Asylanträge werden vom Bundesamt abgelehnt. Angst und Unsicherheit sind deutlich spürbar. Reinhard Pohl vom Institut für politische Bildung bemüht sich, den Menschen einen Teil dieser Sorgen zu nehmen und gibt Tipps, welche Fallstricke zwingend zu beachten sind.

Aufgrund der Sprachbarrieren sind im Café mehrere Dolmetscher im Einsatz. Geduld ist gefragt – denn wenn Pohl ein oder zwei deutsche Sätze formuliert hat, müssen die zunächst für alle Teilnehmer übersetzt werden, bevor es weitergehen kann. Für den Referenten ist es nicht immer leicht, hier die Übersicht zu bewahren und die Lautstärke im Rahmen zu halten.

Die Abläufe beim Asylverfahren sind klar geregelt. Wer in Schleswig-Holstein einen Asylantrag stellt, wird zunächst zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in der früheren Scholtz-Kaserne weiterverwiesen. Hier wird geprüft, ob er bleiben kann. Rund 400 Menschen leben derzeit in der alten Kaserne, im Schnitt allerdings nur für zwei oder drei Wochen, dann werden sie auf andere Kreise oder kreisfreie Städte verteilt. Besonders die Situation in Krisengebieten wie Syrien lässt die Zahl der Flüchtlinge sprunghaft steigen. Da der Platz begrenzt ist, steigt damit auch die Fluktuation in der Unterkunft.

Während des Asylverfahrens erhält ein alleinstehender Bewerber in der ehemaligen Kaserne ein Zimmer, freie Verpflegung und 137 Euro Bargeld pro Monat. Verdient der Antragsteller eigenes Geld, darf er davon 50 Euro behalten, der Rest wird vom Bundesamt eingezogen. Arbeiten dürfen Asylsuchende aber nur mit einer Arbeitserlaubnis und generell nicht in den ersten neun Monaten. „Dürfen die Mitarbeiter des Amtes in meinem Zimmer nach Geld suchen?“, fragt ein Mann aus Syrien. Reinhard Pohl beruhigt ihn: Das Bundesamt habe zwar theoretisch das Recht, aber in der Praxis fänden solche Kontrollen nicht statt.

Die wichtigste Hürde macht der Referent an diesem Nachmittag mehrfach deutlich: das Gespräch beim Bundesamt, genannt „Das Interview“. Pohl: „Niemand erhält Asyl, nur weil er aus einem Kriegsgebiet kommt. Jeder Bewerber muss glaubhaft versichern, warum er bei einer Rückkehr in sein Heimatland in Gefahr ist.“

Viele Fragen werden an diesem Nachmittag beantwortet, mögliche Situationen immer wieder erklärt, aber entspannte Ruhe will nicht eintreten. Zahlreiche Teilnehmer wenden sich nach der Veranstaltung einzeln an Reinhard Pohl, weil sie ihr Anliegen nicht vor großer Runde öffentlich machen wollen. Viele Bewerber gehen direkt auf Rike Müller zu, um einen Termin in der Beratungsstelle zu vereinbaren. Zu groß ist das Risiko: Wenn das Interview schlecht läuft, droht die Abschiebung.

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erstellt am 18.Feb.2014 | 07:00 Uhr

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