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Pro Familia : Begehrte Verhütung auf Kosten der Stadt

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Einkommensschwache Frauen und Männer können Kostenübernahme beantragen / Der Etat war 2016 schnell ausgeschöpft

shz.de von
erstellt am 12.Apr.2017 | 08:00 Uhr

Neumünster | Viele Frauen mit niedrigem Einkommen nutzen das neue Angebot, sich die Empfängnisverhütung von der Stadt bezahlen zu lassen. 2016, im ersten Jahr dieses Angebots, war der Etat relativ schnell erschöpft. „Wir hatten 62 Antragsteller. Es gab weitere, aber die 12 815 Euro von der Stadt waren dann bereits weg“, sagt Urte Kringel, die Leiterin von Pro Familia. Bis 2020 ist das Projekt durch einen Ratsbeschluss gesichert, für 2017 stellt die Stadt 25 000 Euro zur Verfügung – und nach gut drei Monaten ist bereits wieder ein Drittel der Summe ausgegeben. „Die Nachfrage steigt“, sagen Urte Kringel, die Leiterin der Beratungsstelle, und ihre Kollegin Dörte Heller, die gestern den Jahresbericht 2016 vorlegten.

Finanziert werden aus diesem Topf alle Verhütungsmethoden außer Kondomen. Besonders beliebt waren Hormon- und Kupfer-Spirale, danach folgte die Pille. 59 Klienten waren Frauen, drei Männer erhielten eine Vasektomie (Sterilisation). „Der Wunsch nach Sicherheit bei der Verhütung ist immer wieder Thema in den Gesprächen. Es wird deutlich, dass sich viele Frauen teure Verhütung nicht leisten können. Wir wollen diese Menschen bei der Familienplanung unterstützen. Das bedeutet nicht, dass sie keine Kinder kriegen sollen. Sondern sie sollen die Chance haben, sie zum richtigen Zeitpunkt zu bekommen“, sagt Urte Kringel.

1404 Beratungen fanden 2016 statt – 200 mehr als in 2015. Ein Schwerpunkt waren ungewollte Schwangerschaften. Pro Familia ist die gesetzlich vorgeschriebene Beratungsstelle für Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen wollen. 2016 stieg diese Zahl auf 282 Fälle (2015: 269) – untypisch im Vergleich zum Bundestrend. Dort nimmt die Zahl der Abbrüche pro Jahr um ein bis zwei Prozent ab, sagen die Diplom-Sozialpädagogen, die mit drei weiteren Kollegen ihre Klientel betreuen. Auch bei der Schwangerschafts-Konfliktberatung stieg die Zahl der Fälle von 301 (2015) auf 375. Das umfasste Informationen zum Thema Schwangerschaft, Elterngeld, Elternzeit, psychische Hilfen, Lebensunterhaltsfragen bei Alleinerziehenden oder auch Mutterschutz und Arbeitgeberfragen.

In weiteren 257 Fällen vermittelte Pro Familia die Unterstützung der Mutter-Kind-Stiftung. Ein weiteres großes Thema waren Gespräche zum Thema Sexualität, Partnerschaft, Trennung, Probleme mit pubertierenden Kindern. „Wir haben den Eindruck, dass die finanzielle Not zunimmt, dass aber auch die Bereitschaft, sich Hilfe zu holen, größer ist“, so Urte Kringel.

Die Zahl der Klienten mit ausländischen Wurzeln ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen: von 126 auf 295 Fälle. „Wir differenzieren nicht nach Herkunft. Das waren osteuropäische Frauen, aber auch geflüchtete Frauen aus Syrien oder dem Irak, Vergewaltigungsopfer oder Frauen, die aus der unsicheren Bleibeperspektive heraus nicht schwanger sein wollten“, sagt Urte Kringel. Es sei positiv, dass das Sozialministerium mehr Geld für Dolmetscher gebe, denn es handele sich um sensible Themen, dafür seien „gute und achtsame“ Übersetzer nötig.

Pro Familia arbeitet dabei mit dem Landesamt und mit Sprachmittlern der Awo-Migrationsberatung zusammen. „Doch oft genug haben auch schon Nachbarn oder minderjährige Töchter übersetzt. Dabei haben die Frauen genug mit ihrer eigenen Scham zu tun“, sagt Urte Kringel.

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