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Feueralarm : Beamte retteten Häftling und wurden selber verletzt

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Großeinsatz in der Justizvollzugsanstalt / Gefangener zündete Möbel in seiner Zelle an

Der Alarm kam gegen 13.15 Uhr, es war gerade Schichtwechsel: Im Haus B, Abteilung B  2, in der Justizvollzugsanstalt (JVA) rochen die Beamten gestern Qualm. Dichter Rauch drang aus einer verschlossenen Zelle. Die Beamten eilten zur Hilfe und riefen die Feuerwehr. Es kam zum Großeinsatz.

Im Haus B sind überwiegend Untersuchungshäftlinge untergebracht. In der besagten Zelle saß ein 24 Jahre alter Gefangener. Das Amtsgericht Itzehoe hatte gegen ihn Haftbefehl wegen schweren Raubes erlassen. Seit dem 12. Februar saß er an der Boostedter Straße ein. Er gilt als stark drogenabhängig und psychisch labil. Der Mann wollte offenbar sterben und hat beinahe eine Katastrophe ausgelöst.

JVA-Leiterin Yvonne Radetzki berichtete: „Der Gefangene hatte die Tür mit Tisch, Stuhl und Matratze verbarrikadiert. Die hat er dann in Brand gesetzt.“ Dichter Qualm quoll durch die Zelle. Die Justizbeamten schlossen sofort die Tür auf – und wurden von pechschwarzem Rauch überrascht. Es gelang ihnen aber, das verkeilte Mobiliar zur Seite zu drücken, den Gefangenen aus der Zelle zu ziehen und ihm damit das Leben zu retten.

Es gibt zwar Feuerlöscher und Schutzhauben, doch offenbar hatten die Beamten nicht mit einem derartigen Qualm gerechnet. „Der ganze Flur war in dichten Rauch gehüllt“, so Yvonne Radetzki. Durch verbrennenden Kunststoff waren die Brandgase extrem gefährlich. 21 Menschen wurden durch die Gase zum Teil schwer verletzt – 20 Beamte und der Gefangene. Die Zahl der verletzten Mitarbeiter war bis zum Abend ständig gestiegen – von zunächst 7 auf 16 und dann sogar auf 20. Im Laufe des Tages hatten sich immer mehr Beamte mit Atembeschwerden gemeldet und wurden ins Krankenhaus geschickt oder gefahren.

„Der Häftling musste im Rettungswagen reanimiert werden. Dann haben wir ihn ins Friedrich-Ebert-Krankenhaus gebracht“, sagte Feuerwehr-Chef Sven Kasulke, der selber vor Ort war. Der Häftling liegt jetzt schwer verletzt im künstlichen Koma.

Die Retter waren mit einem Großaufgebot von 50 Mann angerückt, Atemschutzträger löschten das Feuer. Im Minutentakt rasten Rettungswagen mit Blaulicht durch das Tor der Justizvollzugsanstalt; auf dem Innenhof richteten Feuerwehrmänner einen Not-Behandlungsplatz ein. „Als die Kapazitäten im Friedrich-Ebert-Krankenhaus erschöpft waren, haben wir die Verletzten auf Krankenhäuser in Kiel und Segeberg verteilt“, erklärte Kasulke.

Gegen 14.30 Uhr eilte Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) zur Brandstelle und blieb fast eine Stunde hinter den dicken Mauern. „Ich habe mir selbst einen Überblick verschaffen wollen. Mir war auch wichtig, mich mit den Bediensteten über die Situation zu unterhalten. Ihnen kann ich nur danken für ihr beherztes Eingreifen“, sagte sie. Ihr sofortiger Besuch sollte vermutlich auch verhindern, der Opposition im Kieler Landtag neue Munition zu liefern: Nach der verhinderten Geiselnahme in der JVA Lübeck war Spoorendonk heftig kritisiert worden. Es hieß damals, sie habe den Vorfall verharmlost.

Laut JVA-Leitung hat es vorab „keine Anzeichen für die Verzweiflungstat des Häftlings gegeben“. Der Mann habe auch keine Forderungen gestellt und war nicht zum ersten Mal inhaftiert, hieß es. Obwohl er als psychisch labil galt, durfte er ein Feuerzeug haben. „Da die Häftlinge rauchen dürfen, sind Feuerzeuge in den Zellen durchaus üblich“, erklärte Yvonne Radetzki. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen. Anzeichen für Fremdverschulden liegen nicht vor. Obwohl nun vermutlich 20 JVA-Beamte für mehrere Tage ausfallen, kann der Betrieb nach Angaben der Leiterin weitergehen.

 

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erstellt am 04.Mär.2015 | 06:00 Uhr

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