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Veränderte Bestattungskultur : Bäume und Urnen lösen Särge ab

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Auf dem Südfriedhof sind ein großer Paradiesgarten und Baumgräber geplant. Fast 80 Prozent der Verstorbenen in Neumünster werden verbrannt.

shz.de von
erstellt am 15.Mär.2016 | 08:00 Uhr

Neumünster | Der landesweite Trend zu mehr Urnenbeisetzungen ist auch in Neumünster deutlich spürbar. „Zwischen 75 und 78 Prozent der Verstorbenen werden mittlerweile verbrannt“, sagt Peter Lang, Leiter der kirchlichen Friedhöfe. Ende der 70er-Jahre seien es nur rund 6 Prozent gewesen. Die geänderte Bestattungskultur zeigt Wirkung: Nach den acht vorhandenen oder in Bau befindlichen Urnen-Themengärten mit einer Größe von 600 bis 800 Quadratmetern soll auf dem Südfriedhof nun das rund 4000 Quadratmeter große neue Urnenfeld „Paradiesgarten“ für 1200 Urnen und 135 Särge entstehen. Außerdem wird es neue, abgegrenzte kleine Waldbereiche mit Baumgräbern geben, ähnlich wie im Ruheforst.

Das alles wollen die Friedhofs-Mitarbeiter in Eigenregie erstellen; erste Vorarbeiten haben begonnen. So wurde ein kleiner Waldbereich hinter dem Gezeiten-Café durchforstet und mit einem Zaun aus Ästen umrandet. Auf einem der vier Abschnitte des künftigen Paradiesgartens stehen noch Grabsteine. „Hier laufen fast alle Konzessionen jetzt aus, so dass wir auch diese Fläche bald nutzen können“, sagt Lang.

Er betont, der Friedhof müsse sich den geänderten Wünschen und Gewohnheiten anpassen. Dabei stehe der Service im Mittelpunkt: „Immer mehr Leute möchten am liebsten Komplettpakete und wollen wissen, worauf sie sich einlassen. Hier haben sie zu jeder Jahreszeit gepflegte Wege, eine Infrastruktur, Ansprechpartner und Hilfe.“ Deshalb seien die Themengärten auch sehr beliebt. In den Gebühren (siehe Infokasten) ist die Pflege der Anlage einberechnet. Neue Gärten seien meist nach Monaten ausgebucht.

Sehr kritisch äußert sich Lang zu einer möglichen Lockerung des Friedhofszwangs. Der Landtag hatte in der vergangenen Woche einen entsprechenden Vorstoß der Piraten debattiert. Die Oppositionsfraktion will es Angehörigen von Verstorbenen ermöglichen, die Urne mit der Asche für zwei Jahre im häuslichen Bereich zu lagern. Außerdem soll es erlaubt werden, die Asche auf Friedhöfen, auf privatem oder von der Kommune gebilligtem Gelände zu verstreuen. Der Innen- und Rechtsausschuss und der Sozialausschuss diskutieren das Thema weiter. „Ich stelle immer wieder fest, dass die Menschen einen Ort zum Trauern wie den Friedhof brauchen“, sagt Lang. Er sieht bei einer Aufhebung des Friedhofszwangs nicht nur die christliche Bestattungskultur in Gefahr, sondern führt beim Verstreuen der Asche auf Privatgelände auch rechtliche Bedenken ins Feld: „Das müsste ja im Grundbuch eingetragen werden. Schließlich will ich als Käufer eines Hauses später wissen, welche Asche dort verstreut wurde.“

Kommentar: Der Kampf um den Kunden

Früher hieß es: Gestorben wird immer. Doch die Bestattungs- und Friedhofsbranche ist längst nicht mehr so auf Rosen gebettet.   Nicht nur der demografische Wandel macht sich auch hier bemerkbar, viel  bedeutender sind die grundlegend geänderten Wünsche der Kunden. Papa hat sich schon für die Seebestattung entschieden, Mama hat „ihren Baum“  gebucht, und Opa möchte viel lieber im „HSV-Fanfeld“  liegen als in der Familiengruft.  Familien leben teils tausende Kilometer auseinander, da soll die Pflege an der  (wenn denn noch vorhandenen) Gedenkstätte  so einfach und praktisch wie möglich sein. Und natürlich soll das alles nicht mehr so viel kosten. Daher gilt auch im Trauerbereich: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Dass die Neumünsteraner Friedhöfe auf die neuen Wünsche reagieren, ist  gut. Nur so können die Gebühren so lange wie möglich stabil gehalten werden. Denn längst ist der Kampf um den Kunden auch in diesem Bereich entbrannt.

 

 

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