"Badminton möchte ich nicht missen"

Getreu ihrem Lebensmotto: Aus Steinen, die ihr in den Weg gelegt wurden, hat die Gehörlosensportlerin Svenja Klopp etwas Schönes gebaut. Foto: Adamski
Getreu ihrem Lebensmotto: Aus Steinen, die ihr in den Weg gelegt wurden, hat die Gehörlosensportlerin Svenja Klopp etwas Schönes gebaut. Foto: Adamski

Svenja Klopp ist im Gehörlosensport international erfolgreich / Die 27-Jährige vom SV Bokhorst startet demnächst in Bulgarien bei den Deaflympics

shz.de von
20. Juli 2013, 04:59 Uhr

Bokhorst | Seit ihrer Kindheit ist Svenja Klopp schwerhörig. Dennoch hat sie es geschafft, sich ein völlig normales Leben aufzubauen. Viel mehr noch - die 27-jährige Badmintonspielerin hat im Gehörlosensport schon viele Medaillen gewonnen, ist auch international erfolgreich. Die nächsten Wettkämpfe sind die 22. Deaflympics in Sofia (Bulgarien) - ein alle vier Jahre, ein Jahr nach den Olympischen Spielen, ausgetragener Wettbewerb vom International Committee of Sports for the Deaf (ICSD). Dort wird Svenja Klopp vom 26. Juli bis zum 4. August dabei sein.

Die Gönnebekerin startet nicht nur für den HSC Schleswig im Deutschen Gehörlosen-Sportverband (GSV) auf Turnieren, sondern nimmt mit dem SV Bokhorst auch am normalen Spielbetrieb des Deutschen Badmintonverbandes teil. Ihr Team belegte in der Saison 2012/13 den zweiten Platz der Landesliga Süd. Klopps Parade-Disziplin ist das Damendoppel, das sie bei den Deaf lympics mit Saskia Fischer aus Hamburg bestreiten wird.

Schulisch und beruflich ließ sich Klopp nicht von ihrer Behinderung einschränken, machte ihr Abitur an der IGS Brachenfeld und legte ihr Diplom als Rechtspflegerin ab. Derzeit arbeitet sie im Amtsgericht. Im Interview mit dem Courier spricht die amtierende Damendoppel-Europameisterin der Gehörlosen über Badminton und ihr Leben mit der Schwerhörigkeit.

Frau Klopp, wann wurde Ihre Schwerhörigkeit diagnostiziert?

Klopp: Mit vier Jahren wurde eine Schwerhörigkeit auf beiden Ohren festgestellt. Mit fünf hatte ich meine ersten Hörgeräte. Ich hatte Glück, dass ich nicht von Geburt an schwerhörig war. So konnte ich zunächst das Sprechen lernen und verlor dann erst meinen Hörsinn. Mit 15 ließ ich mir ein so genanntes Chochlea-Implantat in die rechte Ohrmuschel einsetzen, 2010 folgte die linke Seite. Damit ist mein Hörvermögen wieder einigermaßen hergestellt. Mittlerweile bin ich aber völlig gehörlos, sobald ich die Hörgeräte abnehme.

Ein Leben ohne Laut und Ton ist für viele schwer vorstellbar. Wie hat Sie Ihre Behinderung bisher eingeschränkt?

Als die Diagnose gestellt wurde, haben mich meine Eltern sehr unterstützt. Ich bin eine Kämpfernatur und habe trotz meiner Hörschwäche ein Leben mit wenigen Einschränkungen führen können. Besonders schwierig ist aber das selektive Hören: Bei einem hohen Lärmpegel muss ich mich sehr konzentrieren, um die wichtige Information für mich aus den vielen Geräuschen herauszufiltern.

Sie haben schon im Alter von sechs Jahren mit Badminton angefangen. Was fasziniert Sie so an dieser Sportart?

Mein Bruder hat mich mit dem Sport vertraut gemacht. Zuerst habe ich Fußball gespielt, dann allerdings schnell feststellen müssen, dass in diesem Sport das Hören sehr wichtig ist. Badminton ist eine Individualsportart, bei der man sich zwar im Doppel absprechen muss, aber auch viele Duelle alleine bestreitet. Außerdem werden dabei viele Fähigkeiten ineinander vereint, zum Beispiel Fitness, Kraft und Technik. Badminton möchte ich auf keinen Fall in meinem Leben missen.

Damals haben Sie im normalen Spielbetrieb im SV Bokhorst angefangen. Wie kamen Sie zum Gehörlosensport?

Ich wusste bis ich 15 war überhaupt nicht, dass es so etwas gibt. Nach einem Spiel wurde ich von jemandem angesprochen, der mir vom Deutschen Gehörlosen-Sportverband erzählte. Zunächst scheute ich mich davor, in den Gehörlosensport zu gehen. Ich konnte keine Gebärdensprache und war mir nicht sicher, wie man mich dort aufnehmen würde. Letztlich hat der GSV aber mein Leben bereichert. Es ist sehr schade, dass fast niemand weiß, dass es diese Sparte überhaupt gibt.

Im GSV startete Ihre Karriere. Was waren bisher Ihre größten Erfolge?

Seit 2002 bin ich im GSV aktiv und habe im Einzel bei deutschen Wettkämpfen Gold gewonnen. Zusätzlich wurde ich 2002 in Basel Doppel-Europameisterin und Zweite im Einzel. Als Team gewannen wir Gold. Mein größter Erfolg waren die Deaf lympics 2005 in Melbourne. Dort haben wir mit dem Team den zweiten Platz belegt.

Gibt es ein Doppel, auf das Sie immer wieder treffen und das Ihnen oft auch einen Strich durch die Rechnung macht?

Oh ja! Das japanische Doppel Ishii und Hiwatari. Sie waren es auch, die uns bei der WM 2007 im Viertelfinale besiegten. 2009 haben wir bei den Deaflympics in Taiwan im Mannschaftswettbewerb ebenfalls gegen die beiden verloren. Dieses Jahr werden sie wieder bei den Deaflympics antreten. Dieses Mal werden wir sie aber schlagen.

Was erhoffen Sie sich von den Deaf lympics in Sofia?

Im Damendoppel möchte ich auf jeden Fall aufs Podest. Die Konkurrenz ist jedoch in den letzten Jahren immer stärker geworden. Besonders in Asien wurden viele Nachwuchstalente entdeckt. Aber auch die Gegner aus Russland und Bulgarien sind nicht zu unterschätzen.

Welche Ziele haben Sie für die Zukunft?

Ich habe im Gehörlosensport viel erreicht. Natürlich möchte ich weiter erfolgreich bleiben und an vielen internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Später möchte ich meinen Trainerschein machen und gehörlose und schwerhörige Kinder, Jugendliche und Erwachsene unterstützen.

Was möchten Sie Menschen mit Behinderung auf den Weg geben?

Ich sage immer: Jede Behinderung hat etwas Positives. Wenn ich meine Ruhe haben will, kann ich einfach meine Hörgeräte abnehmen und niemand stört mich mehr. Außerdem habe ich sehr viele aufgeschlossene Menschen kennengelernt - auch über den Gehörlosensport. Einen Vers von Erich Kästner habe ich zu meinem Lebensmotto gemacht: Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen.

Aktuelle Informationen zum Gehörlosensport und den Deaflympics unter www.dg-sv.de

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