Mühbrook : Ausschuss diskutiert erneut über Gedenktafel

Der Mühbrooker Ernst-Wilhelm Harder (80) hat als Neunjähriger mitbekommen, dass zwei Männer von SS-Leuten erschossen wurden. Er war zur Sitzung gekommen und meinte, dass eine Erwähnung im Internet reiche.
Der Mühbrooker Ernst-Wilhelm Harder (80) hat als Neunjähriger mitbekommen, dass zwei Männer von SS-Leuten erschossen wurden. Er war zur Sitzung gekommen und meinte, dass eine Erwähnung im Internet reiche.

Zwei KZ-Häftlinge wurden erschossen: Ausschussmitglieder sprechen sich gegen ein Mahnmal aus.

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13. Januar 2017, 08:00 Uhr

Mühbrook | Eine Tafel zum Gedenken an zwei KZ-Häftlinge, die 1945 in Mühbrook erschossen worden sind, wird es wohl nicht geben. Die Mitglieder des Ausschusses für Gemeinschaftsaufgaben beschlossen am Mittwochabend mit drei Nein- und zwei Ja-Stimmen, der Gemeindevertretung eine abschlägige Empfehlung auszusprechen.

„Wollen wir etwas aufwärmen, was kaum bekannt ist? Wie viele Menschen werden zurzeit ermordet, die keine Gedenktafeln bekommen?“ Mit diesen rhetorischen Fragen begründete die Ausschussvorsitzende Helga Lucas ihre Ablehnung. „Wir sollten in jedweder Form gegen das Vergessen agieren. Das Schild kann ein kleiner Hinweis sein und als Mini-Mahnmal für die Gräueltaten dienen“, entgegnete Petra Heeck.

Zu Gast bei der Ausschusssitzung war Ernst-Wilhelm Harder (80), der als Zeitzeuge aus seinen Erinnerungen erzählte. Er war damals neun Jahre alt, als der unter „Todesmarsch“ bekannte Zug von KZ-Häftlingen aus Fuhlsbüttel nach Kiel-Hassee vom 14. auf den 15. April 1945 in Mühbrook Halt machte. Die Menschen wurden in den Scheunen der Bauern Lüthje und Schurbohm zwangsweise einquartiert. Ernst-Wilhelm Harder erinnerte sich: „Morgens bei der Zählung fehlten einige. Wir Kinder durften nicht vom Hof, sind aber nach dem Weiterzug durchs Dorf gelaufen. Hinter einem Baum haben wir einen Ermordeten gefunden, er wurde mit einer Plane abgedeckt. Man hatte ihm die Stiefel ausgezogen, das waren vermutlich Häftlinge. Sie hatten ja nur Sackleinen an den Füßen.“ Mühbrooker Bürger hätten die Toten nach Bordesholm zur Beerdigung gebracht, so Harder weiter. Sie sind auf dem Bordesholmer Friedhof begraben. Ernst-Wilhelm Harder sprach sich gegen eine Gedenktafel aus: „Erinnerungen auf der Homepage genügen.“

Die Diskussion im Dorf um eine manifeste Erinnerung an die Erschießung der Menschen flammte seit 2001 immer wieder auf. Die Gemeindevertretung hatte auch damals keine Gedenktafel gewünscht. Wieder auf den Tisch kam das Thema nun aufgrund des Wunsches des Geschichtsvereins Bordesholm und des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes (SHHB). „Es ist ein Stück Zeitgeschichte, warum soll man das nicht entsprechend dokumentieren? Ich bin allerdings nicht dafür, die Tafeln an den Höfen zu platzieren“, forderte Jürgen Parbs, Mühbrooker und Vorstandsmitglied des Geschichtvereins.

Keine Unterstützung fand er bei Bürgermeister Wulf Klüver: „Es ist ein Stück Mühbrooker Geschichte und gehört auch dahin. Einen Erinnerungsstein brauchen wir nicht, wohl aber eine Erwähnung im Internet.“ Einig waren sich die Ausschussmitglieder in der Online-Veröffentlichung einer Arbeit des Historikers und Lehrers Uwe Fentsahm aus Brügge. Nach seinen Forschungen wurden in Mühbrook von SS-Männern der Deutsche Christian Berg und der Sowjetbürger Grigori Makarow erschossen. Gegen Kriegsende wurden viele Menschen aus Konzentrationslagern von den Nationalsozialisten weggeschafft, Tausende mussten über lange Strecken Zwangsmärsche zu Fuß bewältigen. Weil viele durch Erschöpfung, Kälte, Hunger und Erschießung gestorben sind, haben Überlebende den Begriff „Todesmarsch“ geprägt.  

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