Karstadt in Neumünster : Aus für Warenhaus schockt die Stadt

Gestern Morgen, 10.22 Uhr: Erst mit knapp anderthalbstündiger Verspätung öffneten sich am Großflecken die Türen von Karstadt. Wartende Kunden drängten ins Gebäude. Um die Mitarbeiter zu informieren, hatten Geschäftsleitung und Betriebsrat am Morgen spontan eine Betriebsversammlung einberufen.
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Gestern Morgen, 10.22 Uhr: Erst mit knapp anderthalbstündiger Verspätung öffneten sich am Großflecken die Türen von Karstadt. Wartende Kunden drängten ins Gebäude. Um die Mitarbeiter zu informieren, hatten Geschäftsleitung und Betriebsrat am Morgen spontan eine Betriebsversammlung einberufen.

Die Mitarbeiter erfuhren erst auf der Betriebsversammlung von der Schließung. Der Einzelhandelsverband mahnt: Für den Handel wird es schwieriger.

shz.de von
13. Mai 2015, 05:00 Uhr

Neumünster | Es hatte etwas von Ironie des Schicksals: Während im Obergeschoss des Karstadt-Hauses am Großflecken gestern Morgen rund 100 Mitarbeiter darüber aufgeklärt wurden, dass der Aufsichtsrat in Essen am Nachmittag vermutlich die Schließung ihres Hauses verkünden würde, warteten unten an den Eingängen die Kunden. Trotz der großen Hinweistafeln „Wegen einer Betriebsversammlung öffnen wir unser Haus heute um 10 Uhr“, hatten sich vor den Glastüren große Trauben von Menschen gebildet, die geduldig auf Einlass warteten.

Wer es noch nicht im Courier gelesen hatte, erfuhr es jetzt vom Nachbarn: Karstadt will zumachen, deshalb die Versammlung! Fast aus dem Stand entspannen sich Diskussionen über das Warum: Während etwa Felix Paschky davon überzeugt ist, dass die Pläne für die Holsten-Galerie dem Karstadt-Haus „den Rest gegeben haben“, machte Adolf Breiholz den „langen Untergang des ganzen Konzerns“ als Auslöser aus: „Die haben doch schon seit Jahren Probleme. Mit der Galerie hat das nichts zu tun.“ Und seine Frau Asta findet es „einfach nur schade“. Gerade sei Karstadt wieder besser geworden: „Ich habe hier immer viele nette Sachen gefunden.“

Drinnen ging es derweil schon um ganz andere Sachen: „Ja, wir haben auch über Interessenausgleich, interne Stellenbörse und die Chancen für unsere Mitarbeiter am Arbeitsmarkt gesprochen“, bestätigte die Betriebsratsvorsitzende Barbara May nach der Mitarbeiterversammlung. Das Gros der rund 100 Karstadt-Kollegen sei über 50 Jahre alt, dafür aber bestens ausgebildet und könne auf langjährige Erfahrung verweisen. Die Geschäftsleitung selbst wollte sich gestern nicht äußern.

Einer der ersten, die die Hiobsbotschaft gestern Morgen offiziell angekündigt bekamen, war Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras. Am Morgen rief der Karstadt-Konzern bei ihm an und kündigte an, dass der Aufsichtsrat noch am selben Tag in seiner Sitzung mit großer Wahrscheinlichkeit die Schließung des Hauses in Neumünster beschließen werde. Gegen 13 Uhr war das Aus für Neumünsters ältestes Kaufhaus dann offiziell.

„Mit großem Bedauern habe ich den Anruf von Karstadt erhalten“, sagte Tauras. „Jetzt ist traurige Gewissheit, was seit langer Zeit immer wieder Thema war: Karstadt wird die Filiale in Neumünster zum Juni nächsten Jahres schließen“, erklärte der Oberbürgermeister. Gleichzeitig zeigte er sich „zuversichtlich, dass die Mitarbeiter aufgrund ihrer guten Qualifikation neue Beschäftigungsmöglichkeiten im derzeit wachsenden Einzelhandel finden werden“.

Zugleich hofft Tauras, dass jetzt zügig eine neue Nutzung für die Immobilie gefunden wird. „Aus den Erfahrungen anderer Städte mit leer stehenden Karstadt-Häusern müssen wir lernen und einen längeren Leerstand unbedingt vermeiden“, mahnte der OB. Die Stadt stehe daher bereits seit Längerem mit dem vom Eigentümer bevollmächtigen Immobilienverwalter im Gespräch. „Das Jahr bis zur Schließung des Karstadt-Hauses müssen wir jetzt intensiv nutzen und bereits bestehende Ideen konkretisieren“, meinte Tauras. Das Gebäude gehört nach Courier-Informationen einem niederländischen Immobilienfonds.

Für Dierk Böckenholt vom Einzelhandelsverband Nord verdeutlicht das Aus für Karstadt einmal mehr die schwierigen Rahmenbedingungen, denen sich auch der Handel in Neumünster stellen müsse. Böckenholt verweist auf die dramatische Umsatzverlagerung zugunsten des Online-Handel. Die Geschäfte müssten sich zunehmend darauf einstellen, neue Vertriebswege aufzugreifen.

Kommentar von Jens Bluhm:

Schwerer Schlag und eine Chance

Das Aus kam nicht ganz überraschend, das ändert nichts an der Bitternis. Mit einer Abstimmung in der Essener Konzernzentrale werden auf einen Schlag 100 Karstadt-Mitarbeiter in unserer Stadt arbeitslos. Zählt man die ins Haus integrierten Shops und das Restaurant hinzu, sind sogar gut 150 Arbeitsplätze betroffen. Ganz abgesehen davon, was das für die betroffenen Familien bedeutet, kommt der Rückzug des Kaufhauskonzerns nach 125 Jahren auch für die Stadtentwicklung  zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Mitten in die heiß diskutierte Planung, wie die Holsten-Galerie auf der einen und der Großflecken mit seinen Geschäften auf der anderen Seite des Teichs am besten miteinander verflochten werden können, platzt die Nachricht, dass beide Kerne des Innenstadthandels künftig durch eine mächtige Lücke auseinandergerissen werden. Führt der vielbeschworene Boulevard am Gänsemarkt, der die erhoffte Brücke zwischen Galerie und Großflecken schlagen soll, bald an einer riesigen Ruine  vorbei? – Die Stadtplanung muss jetzt neu überlegen und zügig handeln.

Vielleicht kommt die Essener Entscheidung  für die Betroffenen aber auch gerade noch rechtzeitig: Noch sind in der Holsten-Galerie nicht alle Jobs vergeben! Und der zweite Bauabschnitt des DOC hat gerade Richtfest gefeiert.

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