zur Navigation springen

„Frau Warrens Gewerbe“ : Aus aufgesetzten Attitüden wurden ehrliche Gefühle

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Stück „Frau Warrens Gewerbe“ überzeugte 375 Besucher im Theater in der Stadthalle.

Neumünster | George Bernard Shaw (1856-1950) war einer der bedeutendsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Treffsicher nahm er mit Vorliebe Doppelmoral, Heuchelei und soziale Ungerechtigkeit aufs Korn. Proteststürme in der Londoner Gesellschaft erregten „Die Häuser des Herrn Sartorius“ (1892), ein Stück über die Auswüchse der Boden- und Häuserspekulation, und 1893 „Frau Warrens Beruf“ (auch: Frau Warrens Gewerbe), ein Stück, dessen „unmoralische“ Handlung zu einem langjährigen Aufführungsverbot führte. Dennoch fand es seinen Weg auf die Bühnen und reizt Theatermacher, die amüsante wie ernsthafte Thematik auf ihre Gegenwartstauglichkeit zu testen.

Die Inszenierung des Landestheaters, unter der Regie von Angelika Zacek, in der Übersetzung von Martin Walser, in einer zwar merkwürdigen, aber gut bespielbaren Dekoration, ließ erkennen, weshalb das Stück um 1900 so vehement abgelehnt wurde und weshalb es 2015 durchaus zeitlos-aktuell wirken kann. Das sahen auch 375 Theaterbesucher in der Stadthalle, die dem Team am Schluss sehr freundlich für ihre Leistungen dankten.

Erstaunlicherweise ging das Zeitlose viel stärker vom Original-Shaw-Text aus als von den „modernen“ Zutaten der Regie – wie zum Beispiel der Einsatz des Mikros und die überbetont angestrengten Sex-Zwischenspielchen, die „Enthüllungen“ vorwegnahmen, die erst später in der Handlung relevant wurden und die das Stück völlig unpassend in eine schmuddelig-voyeuristische Ecke drängte. Shaw war zwar eindeutig, aber dezent; scharfzüngig, aber nicht frivol.

Zwei Frauen stehen im Mittelpunkt der Handlung: Kitty Warren, ehemals ausgebeutete Prostituierte, die zur wohlhabenden „Directrice“ eines Bordell-Kartells avancierte, und Tochter Vivie (Thyra Uhde), eine intelligente „new woman“, erzogen auf Internaten, mit einem Mathematik-Diplom. Vivie weiß nicht, wie Kitty zu Reichtum kam, und wer ihr Vater ist.

Um diese Fragen kreist das Stück, in dem häppchenweise Einzelheiten ans Licht kommen, unterstützt von vier recht dubiosen Herren: Sir George Crofts (Jürgen Böhm), Kittys adeliger Kompagnon, will Vivie heiraten, damit das Geld in der Familie bleibt; der meist volltrunkene Pastor Samuel Gardner (Uwe Kramer) entpuppt sich als potentieller Vater, wodurch sein arbeitsscheuer Sohn Frank (Daniel Ratthei) zu Vivies Halbruder wird. Stefan Wunder war der undurchsichtige Künstler Praed. Es machte Freude zu sehen, wie Vivie die „Kerle“ in die Schranken wies und sich gegen ihre Mutter, behauptete.

Höhepunkte waren die intensiven Mutter-Tochter-Gespräche. Karin Winkler und Thyra Uhde gelang es, Kittys und Vivies Fassaden und aufgesetzten Attitüden abzulegen und glaubhaft zu ihren echten Gefühlen, Enttäuschungen, Verletzungen und Sehnsüchten vorzudringen. Das war richtig gut!

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen