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Literaturcafé : Auf Tuchfühlung mit Thomas Manns Zauberberg

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Theater in der Bücherei: Das Factory-Theater und das Hamburger Sprechwerk waren zu Gast in Einfeld. Gelungene Darstellung auf kleinstem Raum und mit einfachen Mitteln

Ein Raum von 60 Quadratmetern. Links und rechts hohe Bücherregale, die Stirnseite mit weißen Laken verhängt und in der Mitte zwölf Stuhlreihen mit Platz für 50 Besucher. Kein Vorhang, keine Bühne, keine aufwändige Lichtanlage. Lediglich ein schmaler Mittelgang und ein anderthalb Meter breiter Streifen vor der ersten Zuschauerreihe standen den fünf Schauspielern am Sonnabend im Einfelder Literaturcafé zur Verfügung, um Thomas Manns Zauberberg in einer szenischen Installation umzusetzen.

„Wie soll das funktionieren?“, fragte sich so mancher der 50 Besucher. Schließlich spielt Thomas Manns 1924 erschienener Roman in einem Schweizer Sanatorium. Hierhin reist der junge Hamburger Hans Castorp, um seinen lungenkranken Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen. Isoliert von den Grundfesten seines bisherigen Daseins und in einer Atmosphäre von Krankheit und Tod kommt Castorp nach und nach dem Leben abhanden und begibt sich in eine Welt, in der Zeit keine Rolle spielt.

Fünf einfache Klappstühle, drei graue Decken und drei Mikrofone – mit diesen wenigen Mitteln schafften es die fünf Schauspieler vom Factory-Theater und vom Hamburger Sprechwerk ihre Zuschauer von Anfang an in den Bann der Geschichte zu ziehen und ein Gesellschaftsbild zu zeichnen, das von zunehmender Verwirrung und dem Rückzug in die Krankheit bestimmt ist.

Es waren das große schauspielerische Können von Guido Bayer als Hans Castorp, Marcus Just als Joachim Ziemßen, Christian Nisslmüller als italienischer Patient Lodovico Settembrini, Esther Barth als Clawdia Chauchat und Jasmin Buterfas in der Rolle der strengen, abgeklärten Sanatoriumsleiterin, die die Bücherei zum Sanatorium werden ließen. Denn in ihrer Inszenierung nutzte die Regisseurin Gaby Schelle auch den Mittelgang zwischen den Stuhlreihen als Bühne; Zuschauer wurden direkt angesprochen. Diese Nähe machte manchen Besucher beklommen, am Ende machte sie jedoch den Reiz der eineinhalbstündigen Inszenierung aus. Das Publikum reagierte begeistert.

„Ihr wart brillant!“, brachte Initiatorin Claudia Toppe die einhellige Meinung des Publikums auf den Punkt. Einmal mehr haben die ehrenamtliche Leiterin des Literaturcafés und ihr Team bewiesen, dass kulturelle Höhepunkte nicht von Raumgröße und finanziellen Mitteln abhängig sein müssen.



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