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Bürokratie : Auf dem Trecker sitzt der Bauer kaum

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Bürokratie wird immer schlimmer. Pflichten, Vorschriften und Verordnungen erdrücken die Neumünsteraner Landwirte.

Neumünster | Es nimmt gar kein Ende: Ordner um Ordner trägt Silke Bühse aus dem Büro ins Hofcafé, bis 17 prallgefüllte Akten auf dem Frühstückstisch stehen. „Das sind alles Nachweise und wichtige Dokumente. Die Bürokratie wird immer schlimmer“, sagt die 43-jährige Landwirtin aus Tungendorf, die mit ihren Eltern Helga (69) und Klaus (71) den Hof der Familie in elfter Generation (seit 1693) führt. Verdienten die Landwirte früher beim Kühe melken, beim Ausmisten und auf dem Trecker ihr Geld, geht heute ein großer Teil der Arbeitszeit im Büro und vor dem Computer drauf. Immer neue Vorschriften erdrücken die Branche.

Gut eine Handvoll landwirtschaftliche Betriebe gibt es in Neumünster noch. Alle müssen sich an Pflichten, Vorschriften und Verordnungen halten. Dazu zählen beispielsweise die Dokumentation über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die Knickschutzverordnung, das Führen von Behandlungs- und Abgabebuch, Bestandslisten und Impfnachweisen, der Nachweis der Schädlingsbekämpfung und statistische Erhebungen.

Was zu tun ist, wenn ein Kalb geboren wird, schreibt Silke Bühse auf stolzen vier Seiten auf – angefangen von den Ohrnummern des Bullen und der Kuh mit Datum über die Ohrnummer des Kalbes, die Gewebeprobe, die Geburtsmeldung, das Pflegen des Rinderpasses bis hin zu Tierarztbehandlungen mit Medikamentengabe, Reinigung der Ställe und statistischen Angaben.

Bei den 225 Schweinen der Bühses ist noch mehr zu beachten. „Das Schweinefutter etwa dürfen wir nur bei zertifizierten Händlern kaufen. Jede Lieferung ist durch einen Lieferschein zu belegen. Aus dem muss auch die genaue Schrotzusammensetzung ersichtlich sein“, sagt Silke Bühse und nennt das Ganze einen „Irrsinn“.

Die gleichen Sorgen hat Achim Göttsche (55), Landwirt in Wittorferfeld und Ortsvertrauensmann des Bauernverbandes. „Besonders kleinbäuerliche Betriebe belastet die Bürokratie sehr“, sagt er. 360 Milchkühe gibt es auf seinem Hof, den er mit Sohn Matthias (32) und vier Mitarbeitern bewirtschaftet. Hinzu kommen rund 20 Hektar Ackerland. „Bei einem 12-Stunden-Arbeitstag sitze ich übers Jahr gesehen bestimmt zwei bis drei Stunden am Schreibtisch“, sagt Matthias Göttsche. Zum Papierkram rund ums Tier kommen auch noch die Buchführung, Lohnbuchhaltung, Futtermittelbestellungen, Verbandsarbeit, etwa für die Landwirtschaftskammer und den Bauernverband, oder die ganz „normalen“ Alltagsdinge wie das Sortieren von Rechnungen. Auch die Berufsgenossenschaft mischt mit. „Ich muss für jede Arbeit auf dem Hof eine Risikobewertung erstellen und die Mitarbeiter über alle möglichen Gefahren informieren und sie in Sicherheitsbestimmungen unterweisen. Zum Beispiel muss ich ihnen sagen, dass sie sich am Geländer festhalten sollen, wenn sie eine Treppe heruntergehen“, sagt Matthias Göttsche und schüttelt den Kopf.

Es ist kaum möglich, diese Pflichten zu umgehen. Denn eine sorgfältige Nachweisführung wird regelmäßig von externen Experten überprüft. Am störendsten, da sind sich Silke Bühse und Matthias Göttsche einig, sind die Kontrolleure, die mitten in der Ernte, beim Silofahren oder während der Geburt von Tieren hereinplatzen: „Dann müssen wir alles stehen und liegen lassen und erst mal die Akten vorzeigen.“

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erstellt am 14.Mär.2015 | 10:30 Uhr

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