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Gerichtsbericht : Angeklagter schilderte den Messerstich

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das kleine Mädchen musste noch einmal vor dem Kieler Landgericht aussagen.

Neumünster | Nach dem blutigen Streit am Kösten-Freitag, bei dem ein Mann (24) am helllichten Tag an der Ecke Wasbeker Straße/Fabrikstraße durch einen Messerstich schwer verletzt worden war, wurde gestern der Prozess vor dem Kieler Landgericht mit einer Aussage des Angeklagten fortgesetzt. Anschließend kam noch einmal das kleine Mädchen im Gerichtssaal zu Wort, das als wichtige Augenzeugin gilt. Auch seine Mutter wurde als Zeugin befragt.

Mike B. (29), der sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten muss, verlas eine Erklärung und schilderte aus seiner Sicht, was am Vormittag des 12. Juni dieses Jahres geschah. „Tobi brauchte Geld. Deshalb haben wir sechs Flaschen Parfüm bei Karstadt geklaut. Die wollten wir im An- und Verkaufsladen verkaufen. Doch der wollte nur ein oder zwei Flaschen für 35 Euro nehmen. Das war mir zu wenig. Also bin ich rausgegangen“, beschrieb er die Vorgeschichte, die letztendlich zu dem blutigen Streit mit seinem Kumpel führte. Demnach soll das spätere Opfer dem Angeklagten hinterhergelaufen sein. „Erst hat er gepöbelt und mich beleidigt“, erklärte der Neumünsteraner. Später sei es zu einer kurzen Rangelei gekommen. Um die Sache zu entschärfen, sei er mit einer Freundin und deren Kind weggegangen. Doch Tobi sei hinterher gekommen. „Ich merkte einen Schmerz hinter dem Ohr, dachte, er hätte mich angegriffen. Ich wollte ihn mir vom Leib halten und zog das Messer, doch er kam weiter auf mich zu. Ich fiel hin und er auf mich rauf. Dabei muss ich ihn verletzt haben. An einen konkreten Stich kann ich mich nicht erinnern. Getreten habe ich auch nicht. Ich lief weg und warf das Messer in Panik in eine Mülltonne“, schilderte der junge Mann.

Dann berichtete er noch einige wenige Sätze aus seinem Leben: Seine Mutter hatte ihn nach der Geburt weggegeben, so dass er zu Pflegeeltern kam. „Zu denen hatte ich ein gutes Verhältnis“, sagte Mike B.. Als der Pflegevater früh starb, „machte mir das sehr zu schaffen“, so der Angeklagte. Schule und Lehre brach er ab. Er geriet mit Drogen in Kontakt, landete im Gefängnis. Sein letzter Wohnsitz war die Obdachlosenunterkunft an der Gasstraße.

Einen besonders schweren Gang hatte gestern die junge Augenzeugin, ein mittlerweile zehnjähriges Mädchen, vor sich. Die Kleine hatte die Bluttat einst vom Auto aus beobachtet. Trotz einer Videovernehmung bei der Polizei, die bereits am ersten Verhandlungstag vorgespielt worden war (der Courier berichtete), hatte das Gericht noch Fragen an das Mädchen. „Ich hatte das schon so gut vergessen. Ich wollte gar nichts mehr davon erzählen“, sagte die Kleine. Tapfer versuchte sie dennoch, sich die beängstigenden Bilder ins Gedächtnis zu rufen und antwortete geduldig auf die Fragen der Richterin. Doch sie machte auch kein Geheimnis aus ihrer Angst vor den Albträumen, dass „der Mann, der gestochen hat, zurückkommt“. „Vielleicht kannst Du das alles heute einfach hierlassen“, machte ihr die Richterin Mut.

Die Mutter des Mädchens hatte zuvor geschildert, wie sie damals nur zwei, drei Minuten ihre Kinder ins Auto setzte, um Einkäufe zu bezahlen. Als sie zurückkam, hörte sie die Tochter schreien. Dann sah sie den blutenden Mann. „Da standen ganz viele Leute. Doch keiner hat Erste Hilfe geleistet. Da habe ich mir einen Lappen gegriffen und die Blutung gestoppt, bis der Krankenwagen kam“, so die Zeugin. Der Prozess wird fortgesetzt.

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erstellt am 17.Nov.2015 | 09:30 Uhr

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