Neumünster : Altersarmut bringt "graue Wohnungsnot"

Immer mehr Rentner in Schleswig-Holstein sind armutsgefährdet.
Immer mehr Rentner in Schleswig-Holstein sind armutsgefährdet.

Neumünster steht vor einem Problem: Viele Rentner werden sich ihre Wohnungen in Zukunft vermutlich nicht mehr leisten können. Verantwortlich sind häufig gebrochene Erwerbsbiografieren.

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05. November 2011, 09:54 Uhr

Neumünster | Viele ältere Neumünsteraner werden sich künftig ihre jetzigen Wohnungen nicht mehr leisten können und sich eine kleinere und billigere Bleibe suchen müssen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Pestel-Instituts aus Hannover im Auftrag der Initiative "Impulse für den Wohnungsbau". Das Institut prognostiziert für die Stadt eine erheblich zunehmende Altersarmut.
Immer mehr Menschen mit einer gebrochenen Erwerbsbiografie gehen in Rente. Phasen von Arbeitslosigkeit, Niedriglöhne und dauerhaft geringfügige Beschäftigungen seien für sinkende Bezüge bei Neurentnern verantwortlich. Viele Selbstständige hätten zudem eine zu geringe oder gar keine Altersvorsorge getroffen. "Das soziale Netz wird die meisten 55- bis 65-Jährigen, die heute von Hartz IV leben, im Rentenalter auffangen müssen", sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut.
Immer mehr bedürftige Alte
"Die Zahl der bedürftigen Alten steigt markant", bestätigt Holger Pohlmann vom Fachdienst Soziale Hilfen der Stadt. Zurzeit sind etwa 600 Rentner in Neumünster auf die sogenannte Grundsicherung im Alter angewiesen. Nach den Berechnungen des Pestel-Instituts werden es im Jahr 2020 mehr als doppelt so viele sein.
Die von der Stadt zu tragende Grundsicherung entspricht dem Regelsatz von Hartz IV. Für eine Einzelperson bedeutet das etwa 320 Euro an Warmmiete in einer höchstens 50 Quadratmeter großen Wohnung. "Wenn von zwei Bewohnern einer stirbt, wird der Sozialhilfeträger aber nicht sofort fordern, auszuziehen und eine neue Wohnung zu suchen", beruhigt Pohlmann. Er hofft, dass der Markt einiges regeln kann. Pohlmann: "Es gibt keine Wohnungsnot in Neumünster, sogar viele leer stehende Wohnungen." Ähnlich äußert sich Romi Wietzke, die Leiterin des Seniorenbüros: "Wohnungsmangel haben wir eigentlich nicht, aber es fehlt an modernisiertem Wohnraum zu günstigen Preisen."
Bedarf an neuen und umgebauten Wohnung
Das Pestel-Institut regt an, über neue Wohnformen nachzudenken. "Das heißt konkret: kleinere, energieeffiziente und altengerechte Wohnungen für Senioren. Das spart Miete und Heizkosten", sagt Matthias Günther vom Institut. In den kommenden Jahren müsse in erheblichem Maße neu und umgebaut werden. Andernfalls drohe eine "graue Wohnungsnot" und soziale Ausgrenzung Älterer beim Wohnen.
Neumünster große Wohnungsgesellschaften sehen sich für die Herausforderungen gewappnet. "Wir rüsten bei Modernisierungen alle Wohnungen so um, dass sie altengerechter sind", sagt der Vorsitzende der Baugenossenschaft Holstein (BGH), Frank Natusch. Die Nachfrage nach den staatlich geförderten Wohnungen in den BGH-Seniorenanlagen, aber auch nach frei finanzierten altengerechten Wohnungen sei groß.
Forderung: Stärkere Anreize für altersgerechtes Sanieren
Uwe Honsberg, der Geschäftsführer der städtischen Wobau, sieht die aktuelle Rentnergeneration nicht in Gefahr. Im Gegenteil: "Sie hat die Möglichkeit, Eigentum zu bilden", sagt er. Die Wobau bediene aber auch die Klientel, die es nicht so dicke hat. "Wir halten altengerechte Wohnungen zu erträglichen Miethöhen weit unter dem Mietspiegel vor", sagt er.
Damit Wohnraum im Alter bezahlbar bleibt, fordert die Initiative "Impulse für den Wohnungsbau" vom Bund stärkere Anreize für das altersgerechte Sanieren und kritisiert das Auslaufen der staatlichen Förderung. Für den Bezirksvorsitzenden der Bau-Gewerkschaft, Uwe Hahn, ist das eine "staatliche Milchmädchenrechnung". Es gehe darum, möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen zu können und diese nicht schon früh gegen einen Heimplatz tauschen zu müssen. Dass die Bundesregierung jetzt den Geldhahn zudrehe, komme die Sozialkassen später sehr viel teurer.

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