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Zeitgeschichte : Als Willy Brandt in der Holstenhalle sprach

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

1971 stand der damalige Bundeskanzler im Zentrum einer großen Wahlkampfveranstaltung. Bauern drängten Rechtsextreme aus der Halle

von
erstellt am 17.Dez.2013 | 14:00 Uhr

Am morgigen 18. Dezember jährt sich der Geburtstag des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt zum 100. Mal. 1971 hatte er in Neumünster einen denkwürdigen Auftritt vor Tausenden von Menschen in der Holstenhalle. Unter ihnen waren damals auch die Neumünsteraner Henning Möbius, seine Frau Astrid und sein Bruder Gerhard. Gerhard Möbius hat seine Erinnerungen aufgeschrieben:

„Willy Brandt hatte uns von der APO in die Sozialdemokratie geführt. Die ersten Ostverträge waren unter Dach und Fach. Noch vor dem gescheiterten Misstrauensvotum des Rainer C. Barzel tobte in Schleswig-Holstein ein spannender Landtagswahlkampf, in dem der Oppositionsführer der SPD, Joachim Steffen, versuchte, Ministerpräsident zu werden. Das Amt behielt aber dann sein ehemaliger Kommilitone Gerhard Stoltenberg von der CDU.

Willy Brandt war aus Bonn in die Holstenhalle zur zentralen Abschlussversammlung gekommen. Der 100. Geburtstag des von uns so geschätzten Staatsmannes führte mir die denkwürdige Veranstaltung vor über 42 Jahren wieder vor Augen. Die Holstenhalle war brechend voll. Vor dem Rednerpult hatten sich frühzeitig ca. 1000 Landmänner in grünem Loden platziert, um Jochen Steffen, der sich bei ihnen durch seine marxistischen Äußerungen und seine Kapitalismuskritik nicht gerade beliebt gemacht hatte, durch großes Geschrei nicht zu Wort kommen zu lassen. Schließlich sah Willy sich genötigt, sie mit seiner typisch knarzigen Stimme und unterbrochenem Redefluss zur Ruhe zu bringen: „Wenn….. ihr…. Jochen…… nicht sprechen lasst, dann…. rede….. ich….. auch nicht!“

Steffen konnte seine Rede fortsetzen, wurde aber durch Zwischenrufe weiter unterbrochen: „Die Banken sollten verstaatlicht werden!“ oder „In 20 Jahren werden drei von vier Landwirten ihren Hof nicht mehr betreiben!“ und: „Die Kieskuhle als vierte Fruchtfolge würde da auch nicht mehr helfen!“ Dann kam Willy Brandt. Aber auch er konnte nicht lange ungestört reden. Mit Rufen wie „Herbert Frahm! Herbert Frahm!“ (Brandts Geburtsname) und noch schlimmer: „Willy Brandt an die Wand!“ zeigte sich das hässliche Gesicht unserer Gesellschaft, vertreten durch die rechtsradikale „Aktion Widerstand“, die damals im Lauenburgischen beheimatet war. Aber Brandt brauchte nicht zu reagieren: Eine Wand von Loden erhob sich lautlos und näherte sich den Krakeelern, die schnell die Flucht ergriffen. Auch wenn hier nicht „ihr“ Kanzler sprach – den braunen Mob wollten die Bauern schon gar nicht. Ein Lehrstück von Demokratie.

Vom Inhalt seiner Rede ist mir nichts in Erinnerung geblieben. Dagegen steht mir die „Entrücktheit“ von Willy Brandt, die so oft beschrieben wurde, ganz deutlich vor Augen. Beim Einzug in die Halle stand alles und klatschte. Kein Blick von ihm in die Menge, kein Händeschütteln, alles ringsherum schien ihm weit entfernt. Seine ganze Aufmerksamkeit war nach innen, vielleicht auf ganz andere Dinge oder auch auf gar nichts gerichtet.“

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