Deutsche Flüchtlinge in Dänemark : Als „Willkommenskultur“ ein Fremdwort war

Karl-Georg Mix sprach vor der Landkarte mit aufgezeichneten Flüchtlingsströmen.
Karl-Georg Mix sprach vor der Landkarte mit aufgezeichneten Flüchtlingsströmen.

1945 bis 1949 gab es Internierungslager für Deutsche in Dänemark. Bei einem Vortrag in Neumünster wurde daran erinnert

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21. Juni 2017, 08:30 Uhr

Neumünster | Willkommenskultur, Teilhabe und Integration sind drei häufig genannte Begriffe, wenn über die heutigen Flüchtlinge gesprochen wird. Bei einer Flüchtlingskrise in Dänemark vor mehr als 70 Jahren spielten die drei Ausdrücke noch keine Rolle. Das wurde jetzt bei einem Vortrag von Karl-Georg Mix im Lötzener Heimatmuseum an der Sudetenlandstraße deutlich.

Der frühere Pastor aus Lübeck berichtete hier über die Leidenszeit, die fast eine Viertelmillion Menschen aus dem deutschen Osten zwischen 1945 und 1949 in dänischen Internierungslagern durchmachten. Mix, Jahrgang 1936, wusste sehr genau, wovon er spricht: Als Achtjähriger strandete er mit Eltern und Geschwistern selbst in einem der Lager. 2005 legte er eine wissenschaftliche Aufarbeitung in einem Buch vor. Unter seinen knapp 40 Zuhörern (fast alle im fortgeschrittenen Rentenalter) waren auch einige Zeitzeugen, darunter eine aus Stuhm in Westpreußen stammende Tungendorferin (92), die seinerzeit als junge Lehrerin die Kinder in einem Lager auf der Insel Fanö unterrichtete.

Der Vortrag von Karl-Georg Mix war von Verständnis und Mitgefühl geprägt – für die Internierten, aber auch für die Dänen, die es nur mit Mühe und teilweise sehr widerwillig schafften, der Flüchtlingsmassen einigermaßen Herr zu werden. Dabei hatten es die Menschen in Dänemark anfangs gut getroffen. Sie waren nach dem 4. Februar 1945 vor den anrückenden Sowjets auch in das von Deutschen besetzte Dänemark evakuiert worden. Die ersten von ihnen wurden von der Wehrmacht in hübschen Ferienhäusern mit Meerblick, aber auch in Schulen, Turnhallen oder Kasernen untergebracht. Sie erhielten Betreuung und Geld und konnten sich relativ frei bewegen. Das änderte sich schlagartig nach der Kapitulation und dem Abzug der deutschen Truppen Anfang Mai 1945.

Die Siegermächte verdonnerten Dänemark, weiterhin geflüchtete Deutsche aufzunehmen und zu versorgen. Die unbeliebten Gäste, die man in erster Linie als neuerliche „Invasoren ohne Uniform“ sah, wurden in eilends hergerichtete Barackenlager oder in leerstehende Fabrikhallen verfrachtet. Es entstanden über 100 Lager; das größte in Oksböl an der Westküste Jütlands hatte bis zu 37 000 Insassen. Jedem Flüchtling standen 2,5 Quadratmeter Raum zu. Manchmal wurde auch das noch unterschritten. Stacheldraht rundum, schlechte Verpflegung, Seuchengefahr, eine mangelhafte medizinische Versorgung, Ungeziefer und das Fehlen jeglicher Privatsphäre setzten den Menschen schwer zu.

Nur Frauen, Kinder und alte Männer lebten in den Lagern. Gerade diese alten Männer mit ihrer langen Lebenserfahrung schafften es aber, zur Verbesserung der Situation beizutragen. Mit handwerklichem Können schufen sie aus Kriegsschrott neue Gebrauchsgegenstände; mit ihrem Organisationstalent bauten sie (von gutwilligen Dänen unterstützt) eine Selbstverwaltung innerhalb der Lager auf. Sport, anspruchsvolle Kulturangebote und sogar ein sehr hochwertiges, dreigliedriges Schulsystem gehörten dazu. Dänisch-Unterricht war aber verboten. Die Dänen wollten die Deutschen so schnell wie möglich wieder vom Hals haben. Jede „Fraternisierung“ zwischen Dänen und Deutschen war derweil streng verboten. Niemand aus den Lagern sollte auf die Idee kommen, in Dänemark eine mögliche neue Heimat zu sehen.

Mix konnte aber auch viele Beispiele für Menschlichkeit und pragmatisches Miteinander liefern. Zum Teil nahm das skurril wirkende Züge an, die selbst mehr als 70 Jahre später noch für einen Lacher gut waren. Er berichtete den Neumünsteraner Besuchern von Wachsoldaten, die ein Fußballspiel von Flüchtlingsjungen beaufsichtigen sollten, aber nach wenigen Minuten ihre Karabiner in die Ecke stellten, um mitzukicken. Es gab dänische Bewacher, die noch nie in ihrem Leben ein Gewehr in der Hand hatten, nun aber die Flüchtlinge in Schach halten mussten. Ein alter deutscher Feldwebel brachte ihnen die wichtigsten Handgriffe bei – damit keine Unfälle passierten. Willkürliche Gewalt gegen die Flüchtlinge gab es nur selten, aber die Anrede „Tyske Svin“ (Deutsches Schwein) war durchaus üblich. Alles in allem zeigten sich die Dänen aber menschlich, wenn auch auf einem nach heutigen Maßstäben eher niedrigen Niveau.

Auf das dunkelste Kapitel kam Mix dann in der folgenden Diskussion zu sprechen. Allein 1945 starben 13 000 Internierte, darunter 7000 Kinder unter fünf Jahren. Säuglinge hatten praktisch kaum Überlebenschancen. Hauptgrund dürfte neben fehlender Milch – obwohl teilweise in Sichtweite der Lager große Kuhherden auf satten Wiesen weideten – die schlechte medizinische Versorgung gewesen sein. Der dänische Ärzteverband hatte im März 1945 beschlossen, deutschen Flüchtlingen generell keine Hilfe zu leisten. Immerhin: Einige Mediziner hielten sich nicht daran und folgten ihrem Gewissen, wurden dafür aber manchmal von Landsleuten angefeindet. Auch das Rote Kreuz Dänemarks lehnte seinerzeit jedes Engagement ab, weil „die Stimmung der Bevölkerung gegen die Deutschen“ sei. Im Ergebnis überlebten 80 Prozent der Kleinkinder die Internierung nicht. Das hatte die dänische Historikerin und Ärztin Kirsten Lylloff 60 Jahre nach Kriegsende erstmals mit einer Fülle an Belegen öffentlich gemacht und eine intensive Diskussion im Königreich angestoßen. Immerhin, so rechnete sie ihren Landsleuten vor, seien „mehr deutsche Flüchtlinge in dänischen Lagern ums Leben gekommen als Dänen während des ganzen Krieges“.

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