zur Navigation springen
Holsteinischer Courier

19. Oktober 2017 | 08:16 Uhr

Als Herthas Manager zur Wutrede ausholte

vom

Ein Neumünsteraner in Berlin: Lars Wallrodt ist erfahrener Journalist und hat mit dem VfR-Gegner im DFB-Pokal seine eigenen Erfahrungen gemacht / Dieter Hoeneß drohte und tobte

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2013 | 04:59 Uhr

Neumünster/Berlin | Sie sind hinausgezogen in die weite Welt. Einige von ihnen sind gestrandet, andere haben Karriere gemacht. Die Neumünsteraner haben schon immer ganz gern über den Tellerrand hinausgeschaut. Lars Wallrodt ist einer von ihnen - und einer von denen, die Karriere gemacht haben. Der 38-jährige Journalist ist Fußballchef bei der Welt und Welt am Sonntag, er zählt zu den Stammgästen der Kult-Talkshow "Doppelpass" bei Sport 1.

Wallrodt ist am Einfelder See aufgewachsen und hat bei Gut Heil Handball gespielt. Mittlerweile ist er verheiratet und Vater zweier Töchter (sechs und neun Jahre alt). Seine ersten Meriten als Journalist sammelte er beim Holsteinischen Courier, für den er als freier Mitarbeiter in den 1990er-Jahren fast alle Fußballklassen durchlief. Rund sechs Jahre hat er seit Millennium Hertha BSC begleitet. In Berlin-Mitte ist er noch heute sesshaft. Im Courier erzählt er von seinen Erfahrungen mit dem Verein, der sich am kommenden Sonntag um 16 Uhr im Rahmen der 1. DFB-Pokal-Hauptrunde beim VfR Neumünster vorstellen wird.

"Mein erster Kontakt mit Hertha BSC war laut und ruppig. Im Juli 2001 war ich in die latent überdrehte Bundeshauptstadt übergesiedelt, um mich fortan als Lohnschreiber bei der BZ, der (West-)Berliner Boulevardzeitung, zu verdingen. Nun ging es nicht mehr um Gadeland, Tungendorf oder Einfeld - der SV Babelsberg 03 war mir zugeteilt, jener Potsdamer Stadtteilclub, der damals aus bis heute unerfindlichen Gründen in die Zweite Liga aufgestiegen war. Und, wie es das Schicksal so wollte, wurden die "Babelszwerge", wie wir sie tauften, in Runde eins des DFB-Pokals der großen Hertha zugelost.

Es wurde ein rasantes Spiel: Babelsberg ging nach sieben Minuten in Führung, Bengalos flogen auf den Platz, Hertha entging durch Glück einer Roten Karte. Erst in der zweiten Hälfte bekamen die Gäste das Spiel in den Griff, vier Minuten vor Schluss schoss Alex Alves das 2:1 für Berlin. Viel spannender aber war das Nachspiel. Babelsberg-Boss Detlef Kaminski steckte mir, dass ein Hertha-Offizieller dem Schiedsrichter angeboten haben soll, sich persönlich um dessen Betreuung zu kümmern. Jungreporter Wallrodt taperte stolz mit der Info zum Chef, und tags darauf titelte die BZ: ,Herthas Pokalsieg: Babelsberg spricht von Betrug.

Das blieb nicht unbemerkt im Schatten des Olympiastadions. Morgens um 9 Uhr klingelte das Telefon in der Redaktion, und mit einem mitleidigen Lächeln reichte ein Kollege den Hörer weiter: ,Hier, Lars, für dich. Dieter Hoeneß ist dran. Was folgte, war so etwas wie eine Feuertaufe: Der Hertha-Manager tobte, brüllte und drohte eine Stunde lang. Ich verteidigte mich wacker und hatte irgendwann den ersten Hoeneßschen Wutanfall überstanden. Etliche sollten folgen, denn nachdem Babelsberg sang- und klanglos wieder abgestiegen war, wurde ich Hertha-Reporter - und machte mit der ,Alten Dame einiges durch.

Der Hauptstadtclub war damals wie heute ein ambivalentes Wesen. In den 1970er-Jahren noch festes Mitglied der Bundesliga, krebste der Traditionsverein danach zwei Jahrzehnte in der Zweiten Liga und sogar in der Amateur-Oberliga herum. Der Effekt ist noch immer sichtbar: Hertha hat eine ganze Fan-Generation ,verschenkt. Während Clubs wie der FC Bayern, HSV, Werder Bremen oder Borussia Dortmund sich Anhänger in der ganzen Republik sicherten, konnte Hertha noch nicht einmal die Westberliner hinter sich vereinen, zu dilettantisch war das Gebaren des Vereins. Andererseits hatte Hertha nach dem Aufstieg 1997 Beachtliches geschafft. Schon zwei Jahre später zogen die Blau-Weißen in die Champions League ein und schlugen dort sowohl den FC Chelsea als auch den AC Mailand. Unter Manager Hoeneß schien sich eine rasante Entwicklung anzubahnen. ,Mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor, das war Hoeneß Vision.

Tatsächlich konnte der Club in der Folge oft einen Uefa-Pokal-Platz erreichen. In die Phalanx der Großen jedoch stieß er nicht vor. Wohl auch, weil Hertha selbst in Berlin weiter kritisch beäugt wurde. Während die WM 2006 vielen Vereinen wunderbare, moderne Stadien bescherte, musste Hertha zähneknirschend akzeptieren, dass ihre Riesenschüssel in all ihrem Gigantismus renoviert wurde - inklusive der ungeliebten Laufbahn. Der Nachteil war offensichtlich: Tobte anderswo bei einer Zahl von 40 000 Fans der Bär, war die Berliner Arena damit nur zur Hälfte gefüllt.

Doch die Probleme waren auch hausgemacht. Hertha kam in Berlin einfach nicht an. Merkwürdige Imagekampagnen wie ,Play Berlin verpufften. Und dass Dieter Hoeneß den Club verschuldete, um Stars wie Alex Alves, Bart Goor oder Luizao zu verpflichten, wurde ebenfalls kritisch betrachtet. Selbst Publikumsliebling Marcelinho, der brillante Brasilianer, tanzte Hoeneß auf der Nase herum. Einmal feierte er nach einer Pleite beim HSV bis morgens um halb fünf Karneval (wobei es ihn wenig störte, dass Reporter anwesend waren). Dann wurde enthüllt, dass er in Berlin seine eigene Disko aufmachen wollte. Und natürlich war die verspätete Rückkehr aus dem Urlaub obligatorisch. Punktum: Hertha war wenig geliebt in der eigenen Stadt.

Dabei wäre es so einfach gewesen, die Berliner mitzunehmen. Der Schlüssel war und ist der DFB-Pokal. Bekanntlich wird das Finale seit 1985 im Olympiastadion ausgetragen. Seitdem sitzen die Herthaner wie die Hunde vor der Fleischerei und sehen mit wässrigem Mund zu, wie die großen Fußballfeste vor ihrer Haustür stattfinden - stets ohne sie. Bezeichnend, dass es die eigene Amateurelf war, die die einzige Finalteilnahme schaffte: 1993 verlor Herthas ,Zweite gegen Leverkusen 0:1.

Die Profis hingegen blamierten sich meist nach Kräften im Pokal. Ich erinnere mich gut an eine Reise nach Kiel, wo Hertha 2002 bei Holstein zwar ein 0:1 egalisierte, dann aber im Elfmeterschießen keinen einzigen Strafstoß verwandelte. Zwei Jahre später bescherte ein Eigentor von Alexander Madlung das Aus gegen Regionalligist Eintracht Braunschweig. Später geriet Madlung, der pikanterweise aus Braunschweig stammt, durch diesen Treffer gar in den Kreis der Verdächtigen um Wettbetrüger Robert Hoyzer.

Nun also startet Berlin gegen den VfR zu einem neuen Anlauf. Es hat sich einiges getan bei Hertha. Michael Preetz hat den Machtkampf gegen seinen Ziehvater Hoeneß gewonnen und ist gleich zwei Mal abgestiegen. Das scheint den Club eine gewisse Demut gelehrt zu haben. Mit Jos Luhukay ist ein bedächtiger Trainer geholt worden, schillernde Stars gibt es nicht. Die neue Bescheidenheit steht Hertha besser als die Großmannssucht. Das ändert natürlich nichts daran, dass meine Sympathien am Sonntag klar verteilt sind ..."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen