Als Bier aus Molke gebraut wurde

Bier aus Meiereiabfällen? Zeitzeuge Henry Kruse (Mitte) deutet mit dem Glas Milch an, dass nach dem Krieg auch in Neumünster Ersatzbier aus Molke gebraut wurde. Gastgeber Peter Schultz (links) und Brauer Eduard Kern greifen lieber zum zünftigen Pilsener. Foto: Ziehm
Bier aus Meiereiabfällen? Zeitzeuge Henry Kruse (Mitte) deutet mit dem Glas Milch an, dass nach dem Krieg auch in Neumünster Ersatzbier aus Molke gebraut wurde. Gastgeber Peter Schultz (links) und Brauer Eduard Kern greifen lieber zum zünftigen Pilsener. Foto: Ziehm

shz.de von
19. Januar 2011, 06:53 Uhr

Neumünster | "Englische Brauerei macht Bier aus Käsewasser" - berichtete der Courier vor kurzem in einer Meldung auf der Titelseite. Das rief unseren Leser Henry Kruse (82) auf den Plan: "Das ist doch nichts Neues. Auch die Holstenbrauerei hat in der Notzeit nach dem Krieg Bier aus Molke gebraut", sagt der Diplom-Ingenieur im Ruhestand.

Der Courier lud zu einem Expertengespräch über das Molke-Bier und konnte dafür neben dem Zeitzeugen Henry Kruse den früheren Holsten-Braumeister Eduard Kern (68) gewinnen. Da an der Brachenfelder Straße nur noch wenig an die lange Brau-Tradition erinnert, traf sich die Runde im Gewölbekeller von Peter Schultz (57). Der Neumünsteraner Künstler und Hol sten-Fan hat dort ein privates Holstenbrauerei-Museum zusammengetragen.

Kern stieß zwar erst 1967 als Laborleiter zur Holstenbrauerei, war hier bis zur Aufgabe des Standorts im November 1986 und danach noch in Hamburg tätig. Doch der Braumeister forschte nach und fand einiges heraus. Ab 1946 wurde an der Brachenfelder Straße der Brauereibetrieb provisorisch wieder aufgenommen. "Weil keine Gerste zum Bierbrauen zugeteilt wurde, wurde Bierersatz aus Molke gebraut", sagt Kern.

"Die Molke, ein Abfallprodukt der Käseherstellung, wurde von der Genossenschaftsmeierei an der Kieler Straße in Tankwagen angeliefert", weiß Henry Kruse, der als Elektriker-Lehrling der Firma Otto Specht bei Installationsarbeiten seinerzeit oft auf dem Brauereigelände zu tun hatte. Nicht nur die Brauereimitarbeiter, auch die Handwerker bekamen damals das in Bügel-Flaschen abgefüllte Molke-Bier als Deputat. Kruse: "Es war etwas heller, schäumte aber wie normales Bier, roch auch so und war glasklar, keinesfalls milchig." Wie das Ersatzbier aus Molke schmeckte, weiß er nicht mehr. "Auf jeden Fall nicht nach Käse. Schlecht kann der Geschmack nicht gewesen sein, denn wir haben es gerne getrunken", sagt er.

Doch wie kann Molke das Gerstenmalz ersetzen? In beiden Fällen wird der enthaltene Zucker mit Hilfe der Bierhefe vergoren. Für die Würze sorgt der Hopfen. "Weil Molke weniger verwertbaren Zucker enthält, entsteht ein sehr alkoholarmes, aber durchaus vollmundiges Bier", weiß Braumeister Kern. Mit dem Deutschen Reinheitsgebot hat das natürlich nicht viel zu tun.

Und dennoch lebt das in Notzeiten geborene Molke-Bier zurzeit wieder auf. Eduard Kern kann sich aber nicht vorstellen, dass sich das in Österreich und der Bodenseeregion erfolgreich vermarktete Getränk auch im Norden durchsetzt. "Gefragt sind hier hopfenbittere Pils-Sorten. Molke-Bier schmeckt eher süß", sagt Kern. In einem ist er sich mit Henry Kruse und dem Nachkriegs-Braumeister Lehmann einig. Kruse: "Dessen Devise lautete: Gutes Bier muss warm getrunken werden. Alles, was gekühlt werden muss, taugt nichts." Kern: "Wir Brauer haben Bier immer warm getrunken."

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