zur Navigation springen

Erstaufnahme : Alltag im Flüchtlingsheim: Die Helfer sind am Limit

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Personal in der Erstaufnahmeeinrichtung am Haart arbeitet mit viel Engagement. Das DRK erwartet einen noch größeren Ansturm im September und Oktober.

Neumünster | An einem Tisch sitzen Männer und spielen lebhaft Karten, wenige Meter weiter kickt ein Vater mit seinem Sohn auf der Straße, und überall sitzen kleine Gruppen im Schatten der großen Bäume. Die Szenerie erinnert klischeehaft an südliche Urlaubsländer. Doch sie spielt nicht im Mittelmeerraum, sondern in der ehemaligen Scholtz-Kaserne am Haart. Der Courier schaute Montagvormittag hinter den Zaun der Flüchtlingsunterkunft, das kurzzeitige „Zuhause“ für aktuell etwa 1850 Menschen. Die Zahlen in der Erstaufnahmestelle des Landes schwanken mittlerweile nicht mehr täglich, sondern fast stündlich.

„Allein in der Nacht vom vergangenen Donnerstag auf Freitag sind 243 Personen neu gekommen. Am Wochenende waren es nochmal rund 400“, sagt Susanne Berndt vom Landesamt für Ausländerangelegenheiten. Viele der Schutzsuchenden werden nach meist langen Strapazen von den Schleusern einfach in der Nähe der Unterkunft auf die Straße gesetzt. Einige bringt auch die Polizei. Schleswig-Holstein ist nicht nur für Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Iran und Afghanistan, sondern auch für die Balkanstaaten Albanien, Serbien und Mazedonien zuständig. Und sie alle kommen zunächst nach Neumünster. Obwohl so viele Nationen hier aufeinander treffen, sei es bisher ruhig geblieben, so Susanne Berndt: „Natürlich gibt es hier und da mal Reibereien, aber das sind nicht auffällig viele.“

Die Flüchtlinge waschen ihre Kleidung selbst. Allerdings fehlen Wäscheleinen.
Die Flüchtlinge waschen ihre Kleidung selbst. Allerdings fehlen Wäscheleinen. Foto: Lipovsek
 

Wer am Haart eintrifft, wird zunächst gründlich medizinisch untersucht. Vier angestellte und zwei Honorar-Ärzte sowie sechs Krankenschwestern des Deutschen Roten Kreuzes machen das. Sie sind zugleich aber auch für die Kranken in der Einrichtung zuständig. Daher gehören volle Wartezimmer im „Ärztehaus“ mittlerweile ebenso zum Alltag wie die Menschenschlange an der Essensausgabe, die ebenfalls vom DRK organisiert wird.

Birgit Früchtenicht (rechts), Jana-Carina Reumann und viele weitere Helfer kochen Eier in Senfsoße mit Kartoffeln für die Flüchtlinge zu. 3000 Eier und 200 Kilogramm Kartoffeln wurden in der alten Bundeswehrküche gekocht.
Birgit Früchtenicht (rechts), Jana-Carina Reumann und viele weitere Helfer kochen Eier in Senfsoße mit Kartoffeln für die Flüchtlinge zu. 3000 Eier und 200 Kilogramm Kartoffeln wurden in der alten Bundeswehrküche gekocht. Foto: Lipovsek
 

Frühstück gibt es von 7 bis fast 10 Uhr, Mittagessen zwischen 12 und 15 Uhr, Abendessen von 17 bis 20 Uhr. „Wir machen schon einfacheres Essen, damit es schneller geht“, sagt Küchen-Chefin Birgit Früchtenicht. 1700 Brötchen zum Frühstück verteilte das Küchenteam am Montag, 200 Brote gab es abends. Täglich werden etwa 400 Liter Milch benötigt. Montag wurden der Einfachheit halber erstmals abgepackte Sandwiches verteilt. „Wir arbeiten am Limit, auch was die Kapazitäten in der Küche angeht“, sagt Birgit Früchtenicht.

Das bestätigt DRK-Vorstand Sven Lorenz. Gleichzeitig spricht er ein großes Lob aus für die mehr als 50 Helfer der Organisation in der Einrichtung: „Das Engagement ist fantastisch.“ Einen Dank richtet er ebenfalls an alle Spender von Spielzeug, Kleidung und anderen Gegenständen: „Es ist toll, wie die Menschen in Neumünster die Flüchtlinge unterstützen. Der Wille zum Helfen ist ungebrochen.“

Mittlerweile gibt es drei Sektoren in der Landesunterkunft. Räumlich durch einen Zaun und einen Sicherheitsdienst vom ursprünglichen Kasernengelände abgetrennt leben weitere gut 500 Personen in Containern an der Störstraße. Sie werden von einem eigenen Essenslieferanten versorgt, der auch die Verpflegung in der Außenstelle in Boostedt übernommen hat. Zudem sind Bauarbeiter damit beschäftigt, auf dem ehemaligen Kasernengelände zur Emil-Köster-Straße hin vier je dreigeschossige Gebäude fertigzustellen. Hier sollen Mitte September weitere 400 Flüchtlinge unterkommen. Die provisorische Unterkunft in der Gesamtschule Brachenfeld wird Ende der Woche geräumt.

Auf einem kleinen Spielplatz hinter dem Kasenerngebäude schaukelt dieser Vater mit seinem Sohn.
Auf einem kleinen Spielplatz hinter dem Kasenerngebäude schaukelt dieser Vater mit seinem Sohn. Foto: Lipovsek
 

Für die 250 Mitarbeiter der Landesunterkunft am Haart und in der Außenstelle in Boostedt, wo 500 Flüchtlinge leben, bringt jeder Tag neue Herausforderungen. Die nachts eintreffenden Menschen müssen registriert und in einem Container oder in einem der vier großen Zelte untergebracht werden. „Niemand schläft auf dem Boden, jeder bekommt ein Bett“, sagt Susanne Berndt. Weil der Platz aber knapp ist, sind auch sämtliche Sozial- und Freizeiträume belegt. Damit fehlen den Flüchtlingen Freizeitmöglichkeiten. Für die Kinder ist der vom DRK betreute Kindergarten allerdings weiterhin geöffnet.

Drei Mal die Woche werden die Flüchtlinge mittlerweile auf die Kreise verteilt, um Platz zu schaffen. Manche kommen nach der ersten ärztlichen Untersuchung zunächst in die ehemalige Kaserne nach Seeth, ganz aktuell auch nach Albersdorf, wo in einem Gewerbepark Platz für bis zu 400 Hilfesuchende geschaffen wurde.

Und der Zustrom reißt nicht ab. Sven Lorenz geht sogar davon aus, dass die geplanten rund 1000 zusätzlichen Plätze in Kiel und Eggebek, die Anfang September bzw. Ende Oktober fertig sein sollen, ebenfalls nicht ausreichen werden. „Die Flüchtlingszahlen steigen. Wir erwarten im September und Oktober eine neue Welle“, sagt er.

zur Startseite

von
erstellt am 11.Aug.2015 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert