Zeugnistag : Alle Zeugnisse ohne Zensuren

Hier stehen keine Zensuren mehr: Lia Marie (8) und Paul (10) lesen ihre Zeugnisse. Kreuze geben über ihre Leistung Auskunft.
Hier stehen keine Zensuren mehr: Lia Marie (8) und Paul (10) lesen ihre Zeugnisse. Kreuze geben über ihre Leistung Auskunft.

An der Gartenstadtschule erhalten die Dritt- und Viertklässler keine Noten mehr. Außerdem fällt landesweit die Schulempfehlung weg . Eltern waren erst skeptisch.

shz.de von
31. Januar 2015, 07:00 Uhr

Neumünster | Das Zeugnis ist immer etwas Besonderes. Gestern wurden die „Giftblätter“ überall an den Schulen der Stadt verteilt. Auf die Grundschüler in der Gartenstadtschule warteten dabei zwei Neuerungen: Zum einen ist die Schule jetzt völlig notenfrei. Zum anderen gibt es für die Viertklässler zum Halbjahr keine Schulartenempfehlung mehr (der Courier berichtete).

Während Letzteres landesweit gilt, nimmt die Gartenstadtschule mit dem Verzicht auf die Zensuren eine Vorreiterrolle ein. Nach der neuen Grundschulverordnung ist die Notenfreiheit zwar vorgesehen, jede Schulkonferenz kann aber individuell beschließen, ab der 3. Klasse auch weiterhin Zeugnisse mit Noten zu vergeben. Und das taten bis auf die Gartenstadtschule und die Timm-Kröger-Schule auch alle zehn weiteren Grundschulen in der Stadt.

Während die Timm-Kröger-Schule die Neuerung erst ab dem kommenden Schuljahr umsetzt, haben die Drittklässlerin Lia Marie Mohr (8) und Paul Nicolaisen (10) aus der 4. Klasse der Gartenstadtschule gestern ein reines Berichtszeugnis erhalten. Statt sechs Noten gibt es vier Kategorien, nach denen beurteilt wird. Die erste Seite des Zeugnisses sagt etwas über die „überfachlichen Kompetenzen“ aus. Beleuchtet werden unter anderem Teamfähigkeit, Selbstständigkeit oder die Anwendung von Methoden. „Fast immer“, überwiegend“, „teilweise“, „selten“ kann der Lehrer ankreuzen. Dann folgen die Fächer. Auch hier gliedern sich die Kompetenzen in vier Kategorien auf. Schulleiterin Ellen Naumann hält die neue Leistungsbeurteilung für differenzierter und detaillierter. „Sie stellt die Kompetenzen in den Vordergrund und nicht den Wettbewerb“, meint sie.

Die Entscheidung, auf Noten zu verzichten, hat sich die Schule nicht leicht gemacht. Seit den Sommerferien wurde die mögliche Neuerung im Kollegium diskutiert – nicht jeder war begeistert. Fortbildungen wurden gemacht. Dann wurde der Schulalltag umgestellt. „Wir wollten schauen, wie es ohne Noten geht“, so die Schulleiterin. Ab sofort standen unter den Klassenarbeiten keine Zensuren mehr. Allerdings ist nach wie vor ersichtlich, wie viele der möglichen Punkte ein Kind erlangt hat. Defizite und Stärken werden notiert oder besprochen. „Da erfährt der Schüler detailliert, was in Mathe zum Beispiel noch zu tun ist und was gut läuft“, so Naumann. Im Herbst war sich das Kollegium einig: Ohne Noten geht es besser – auch wenn die neue Methode mit deutlich mehr Aufwand verbunden ist. In einer Versammlung wurden die Elternbeiratsvorsitzenden informiert. Viele waren erst skeptisch. So hatten Eltern unter anderem Angst, dass die Kinder sich ohne Noten nicht mehr richtig anstrengen würden. Mittlerweile haben sich diese Sorgen zerstreut, wissen der Schulelternbeiratsvorsitzende Markus Fehrs und seine Stellvertreterin Heidi Mohr. „Die Kinder wollen immer noch gern viele Punkte erreichen. Aber es gibt jetzt vor oder nach Klassenarbeiten keine Tränen mehr. Es wurde viel Druck genommen“, sagt die Schulleiterin.

„Ich fand Noten auch gut. Das war irgendwie einfacher“, bekennt Paul, als er sein neues Zeugnis in den Händen hält. Verglichen wird in seiner Klasse auch ohne Noten. „Man guckt halt, wo die anderen ihr Kreuzchen haben“, weiß er. Auf eine Belohnung der Eltern muss er bei einem notenfreien Zeugnis nicht verzichten. „Bei uns gibt es immer pauschal fünf Euro für ein gutes Zeugnis“, erklärt seine Mutter Sandra Nicolaisen.

Als Mutter eines Viertklässlers ist sie allerdings zurzeit ein wenig unsicher: Ohne Noten und ohne Schulempfehlung fällt es ihr doch schwer zu entscheiden, welche weiterführende Schule für Paul die richtige ist. „Sein Zeugnis ist toll. Aber ist er dem Druck auf einem Gymnasium gewachsen?“, fragt sie sich. Für diese Fragen gibt es noch ein verbindliches Elterngespräch. Die Schulleiterin ist überzeugt, dass dort genügend Entscheidungshilfen mit auf den Weg gegeben werden.

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