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Holsteinischer Courier

20. Oktober 2017 | 23:54 Uhr

Sucht : Alkohol ist die Droge Nummer 1

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Statistiken der Suchtberatungsstelle Neumünster zeigen: 50 Prozent der Süchtigen sind alkoholabhängig.

shz.de von
erstellt am 24.Feb.2017 | 17:00 Uhr

Neumünster | Die Suchtberatungsstelle am Großflecken 68 ist die einzige in Neumünster und kümmert sich um Menschen mit Suchtproblemen aller Art. Die Zahl der betreuten Menschen ist seit Jahren etwa konstant und lag 2016 bei 630. Die Hälfte kommt wegen Alkoholproblemen zur Beratungsstelle, ein Viertel wegen Heroinsucht, rund 15 Prozent sind Cannabisfälle, zehn Prozent sind glücksspielabhängig. Nur dort gibt es einen gewissen Anstieg in den letzten Jahren. Auch Fälle von Smartphone- und Internetsucht kommen vereinzelt vor. Etwa Zweidrittel der Betreuten sind Männer, aber der Anteil der Frauen steigt.

Psychologe Stefan van der Elst, zuständig für Beratung und ambulante Rehabilitation, erklärt: „Die Zahlen spiegeln nicht die realen Verhältnisse in der Bevölkerung wider. Von den Heroinabhängigen kommt ein großer Teil zu uns, weil sie die Bescheinigung benötigen, um Ersatzstoffe zu bekommen.“ Bei anderen Süchten sei die Dunkelziffer wesentlich höher. So seien Cannabis-Konsumenten häufig jugendlich. Zur Suchtberatung kämen aber eher ältere Menschen, bei Alkoholsucht meist zwischen 35 und 55 Jahren. Zuverlässige Zahlen zum tatsächlichen Drogenkonsum in Neumünster gebe es nicht.

Sucht ist eine chronische Krankheit und nicht heilbar, sagt Anja Lohse, Leiterin der Einrichtungen in Neumünster und an sechs weiteren Standorten. Die Ursachen sind zahlreich. Negativen Einfluss habe das schlechte Vorbild von Eltern, wenn die etwa selbst zu viel Alkohol trinken, abgebrochene Biografien, wenig gefestigte Lebensstrukturen und fehlende Perspektiven. Vererbung spiele, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Viele gerieten vom normalen Gebrauch oder vom Ausprobieren in die Abhängigkeit. Anja Lohse: „Der weitaus größte Teil der Jugendlichen, die Drogen konsumieren, hört aber später wieder damit auf.“

Nicht alle Suchtkranken kommen aus eigenem Antrieb zur Beratungsstelle. Häufig ist es der Druck von der Familie, dem Arbeitgeber oder ein Gerichtsurteil. Anja Lohse: „Spieler sind oft hoch verschuldet und wissen nicht weiter. Andere sehen, dass ihnen ihr Leben aus der Hand gleitet oder dass es ihnen gesundheitlich nicht gut geht.“ Der Entzug sei nicht das Schwerste, sondern die Zeit danach. „Man muss sich ein Leben ohne die Droge aufbauen, einen Alltag ohne die gewohnten Muster und häufig einen neuen Freundeskreis. Ein großer Teil unserer Beratungsarbeit besteht darin, Struktur in den Tag zu bringen, Motivation zu schaffen und zu zeigen: Es gibt ein anderes Leben.“

Lohse, van der Elst und ihre Kollegen bieten Hilfe beim Ausstieg aus der Sucht sowie bei der Schadensbegrenzung: Ambulante Behandlung, verschiedene Gruppentherapien und Abstinenzbegleitung. „Unsere Angebote sind freiwillig, wir sind nicht weisungsgebunden und unterliegen der Schweigepflicht“, betont van der Elst.

Wie erfolgreich die Angebote sind, lässt sich ebenfalls nur schwer an Zahlen festmachen. „Das Problem dabei ist: Wer es schafft, den sehen wir nie wieder. Daher wissen wir wenig über die Rückfallquoten.“ Das soll sich in Zukunft ändern. Anja Lohse: „Wir führen gerade Befragungen nach einem Jahr für Patienten ein, die bei uns eine ambulante Therapie gemacht haben.“

Die Angebote der Suchtberatung, Großflecken 68, sind kostenlos. Kontakt und weitere Infos gibt es vor Ort, über Tel. 4  27  23 oder auf www.therapiehilfe.de. Die offenen Sprechstunden ohne Voranmeldung sind montags von 15 bis 18 Uhr und mittwochs von 9 bis 12 Uhr.



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