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Holsteinischer Courier

24. Oktober 2017 | 03:00 Uhr

Ärger über die schlechten Noten

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Neumünster verliert im „Zukunftsatlas“ gleich 49 Plätze und landet nur noch auf Rang 356 / Experten krisieren das Prognos-Institut dafür

von
erstellt am 03.Jun.2016 | 12:09 Uhr

Alle drei Jahre bewertet das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft, den Arbeitsmarkt, die demografische Situation und soziale Lage aller 402 kreisfreien Städte und Kreise in Deutschland. Neumünster liegt im „Zukunftsatlas“ diesmal nur noch auf Rang 356 und ist damit gegenüber 2013 um 49 Plätze regelrecht abgestürzt. Auf der Prognos-Skala von 1 „beste Chancen“ bis 8 „sehr hohe Risiken“ reicht das gerade noch für die Gesamtnote 6 „leichte Risiken“.

Maßgeblich für die schlechte Bewertung ist das schwache Abschneiden im Untersuchungsfeld Wohlstand und soziale Lage. Hier belegt die Stadt nur Platz 397. „Die Zahl der Hartz-IV-Empfänger ist in Neumünster mit knapp 14 Prozent fast doppelt so hoch wie im Bundesschnitt“, sagt Prognos-Projektleiter Peter Kaiser. Auch die geringe Kaufkraft zieht die Stadt nach unten. Mit dem Kennwert 86 (Deutschland: 100) hat Neumünster den geringsten Wert in Schleswig-Holstein.

Bei der Kriminalitätsrate ist Neumünster nach den Daten der statistischen Ämter, auf die Prognos sich beruft, mit fast 17  000 polizeilich gemeldeten Fällen auf 100  000 Einwohner gerechnet sogar Schlusslicht. Kaiser: „Das ist Rang 402 von 402.“ Weitere Negativfaktoren seien der relativ hohe Verschuldungsgrad der Stadt – 2124 Euro je Bewohner und Platz 290 in Deutschland – sowie die miserable Patent-Rate der hiesigen Wirtschaft: Nur Rang 394.

„Neumünster befindet sich in der Seitwärtsbewegung, andere haben sich dynamischer entwickelt“, bringt Kaiser es auf den Punkt. Bei der Standortstärke belegt die Schwalestadt nur Platz 364, bei der Dynamik, also den Veränderungen, immerhin Platz 184 und damit einen Platz in der ersten Hälfte.

Vor Ort sehen die Experten aus der Wirtschaft, aber auch von der Stadt das anders. Ute Spieler, die Leiterin der Stadtplanung, kann den Absturz nicht nachvollziehen. „Die Kriminalitätsrate zieht uns heftig nach unten“, sagt sie. Das liege aber an der Erstaufnahme und den vielen Asyl-Vergehen. Die Polizei rechne diese Vergehen aus ihrer Kriminalstatistik heraus, Prognos nicht. Spieler: „Das ist ein großes Problem in der Außenwahrnehmung.“

Das sieht auch Dr. Martina Tambert-Thomas vom Unternehmensverband UVM so. Die Prognos-Studie gehe „an der Realität vorbei. Die Zahlen, aber auch die Empfindungen der Wirtschaft sprechen eine andere Sprache“, sagt sie. Neumünster habe sicherlich einen hohen Anteil an Hartz-IV-Beziehern und eine hohe Arbeitslosigkeit, räumt Carsten Bruhn ein. Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft meint aber: „Neumünster braucht sich nicht zu verstecken und hat in den vergangenen Jahren eine positive Entwicklung genommen und viel Potenzial.“ Mit dem Handel, der Logistik und dem „stabilen Partner Handwerk“ habe Neumünster „solide Standbeine“.

Ulf Michel, Vize im UVM, sieht das Prognos-Resümee nicht nur negativ, sondern auch „als Warnung zum richtigen Zeitpunkt vor zu großer Selbstzufriedenheit. Wir dürfen uns auf alten Lorbeeren nicht ausruhen.“

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