Comeback : Acht Wochen Qual für den EM-Titel

Vorwärtsdrang: Frank Blümle (rechts) in einem Kampf  gegen Rudolf Murko.
Foto:
1 von 2
Vorwärtsdrang: Frank Blümle (rechts) in einem Kampf gegen Rudolf Murko.

Frank Blümle boxt heute (21 Uhr) um die Europameisterschaft im Cruisergewicht. Es ist der erste Titelkampf im Profiboxen für den Neumünsteraner, der in der Vorbereitung oft bis an die Schmerzgrenze gehen musste.

shz.de von
20. Juni 2014, 07:00 Uhr

Sein Sport hat mittlerweile eine neue Bedeutung für Frank Blümle. Der Boxer wird nach sechseinhalb Jahren Pause und dem Comeback im Jahr 2012 heute seinen ersten Profi-Titelkampf überhaupt bestreiten. Im Cruisergewicht (bis 90 Kilogramm) wird der 29-jährige Neumünsteraner beim IBA Intercontinental in Gent (Belgien) gegen Joel Tambwe Djeko (Belgien) in den Ring steigen – und live auf Eurosport um den EM-Titel boxen. Blümle wird dann acht Wochen an der Schmerzgrenze hinter sich haben. Und doch sagt er: „Ich habe den Spaß wiedergefunden.“

Als Blümle sich Weihnachten 2011 entschied, wieder richtig anzufangen, wog er 130 Kilo, im Januar startete er mit dem Training und stieg am 3. November 2012 mit 90 Kilo das erste Mal wieder in den Ring. Mittlerweile hat er sich auf 85 Kilo zurückgekämpft.

2005 bestritt Blümle seinen ersten Profikampf und feierte in insgesamt fünf Fights drei Siege und zwei Unentschieden. Doch die Gründe aufzuhören, waren zahlreich: Viele Verletzungen, die Nase war völlig kaputt und musste operiert werden. Zudem beendete er seine Ausbildung zum Versicherungskaufmann, das Berufsleben begann. 2009 wurde er Vater und sorgte dafür, „dass Geld rankommt.“

Der Boxsport aber ließ ihn nicht los. Nach einem Training mit Freunden packte ihn wieder die Lust. Er rief seinen Vater an, einen Boxtrainer in Grevesmühlen, und sagte: „Ich will wieder kämpfen.“ Bei einer Box-Gala feierte Blümle sein Comeback.

Anschließend ging es Schlag auf Schlag, die Gegner wurden stärker. Im Februar dieses Jahres kam dann der Anruf von Eurosport, samt Anfrage für einen Titelkampf. Doch nicht nur wegen Blümles guter Bilanz im Ring. Im Boxsport fließt Geld. Nach zwei oder drei guten Kämpfen kamen die Anfragen von Promotern. „Dann heißt es: Willst du nicht für mich kämpfen? Ich besorge dir Kämpfe, Titelkämpfe“, erklärt Blümle, der seit Oktober 2013 für Enrico Schütze startet.

Für die letzten acht Wochen der Vorbereitung auf den Titel-Fight ging Blümle in Teilzeit. Sein Kampfstil ist konditionell intensiv – zu den fünf bis sechs Trainingseinheiten pro Woche kamen daher zwei Laufeinheiten pro Woche. „Im Kampf muss man ständig seinen Schweinehund überwinden“, sagt Blümle. Dafür ging er auch im Training an seine Grenzen. „Wenn der Schweinehund nicht so schnell kommt, muss man halt weiter laufen, bis er kommt und man ihn überwinden kann.“ Manchmal drei Stunden im Regen. Was für Außenstehende wie Horror anmutet, empfindet Blümle als Spaß: „Manchmal würde ich auch lieber aufhören. Bin völlig am Ende. Aber das muss man auf sich nehmen. Man lacht trotzdem viel.“

Der Status des Sports hat sich für ihn aber verändert. „Früher habe ich nur für diesen Sport gelebt, ich habe es irgendwann gemacht, weil es ein Job war“, gibt Blümle zu. Auch, dass er „richtig Geld“ verdient hat. Das bleibt jetzt aus. „Natürlich wäre ich noch glücklicher, wenn ich wieder das Geld verdienen könnte wie als Jugendlicher. Aber es macht einfach wieder enorm viel Spaß.“

Der gebürtige Brandenburger startete 1995 beim MTSV Olympia Neumünster, hat dann am Landesleistungszentrum trainiert und ging von 1998 bis 2002 auf eine Sportschule in Schwerin, „Ich habe zweimal am Tag trainiert. Das war weitaus professioneller.“ Jetzt hat Trainer Jens Kruse extra seinen Wintergarten zu einem kleinen Boxstudio umfunktioniert, um von den Hallenzeiten unabhängiger zu sein.

Auch wenn früher alles professioneller war, geht es jetzt doch um einen weitaus höheren Titel. „Das sind zwei ganz andere Klassen. Die Erfolge früher waren im Juniorenbereich“, sagt der fünffache norddeutsche Meister und Sieger von drei Goldmedaillen bei den Deutschen Meisterschaften der Junioren. Schon im Jahr 2001 durfte Blümle bei der EM der Amateure in Sarajevo dabei sein. Im Anschluss boxte der damalige Mittelgewichtler in der Bundesliga. Bei der Weltmeisterschaft auf Kuba 2002 wurde er Sechster. Der EM-Titel heute Abend wäre die Bestätigung für Blümles zweite Karriere. „Wenn ich den Titel wirklich gewinne, ist er für alle, die mich in den knapp zwei Jahren wieder aufgebaut haben“, sagt der 29-Jährige.

Doch er hat noch eine weitere Mission. „In den letzten Jahren ist die Bedeutung des Boxsports in Neumünster extrem zurückgegangen. Bei der Holstenköste gab es jetzt zum ersten Mal seit vielen Jahren keine Boxveranstaltung. Da blutet einem alten Olympianer wie mir das Herz“, sagt Blümle wehmütig. Mit Jens Kruse will er als Trainer bei Gut Heil den Nachwuchs wieder nach oben bringen – und an Zeiten anknüpfen, in denen er mit bis zu 20 Leuten zu den Landesmeisterschaften gefahren ist. „Man soll wieder sagen können: Neumünster ist eine Boxstadt.“

Dabei könnte Blümle als Zugpferd eine wichtige Rolle spielen. Auch für größere Veranstaltungen. „Mein Promoter sagt auch: Wenn ich den Titel hole und später die Basis einmal da ist, kann man auch einmal etwas in Neumünster veranstalten.“

Der EM-Kampf Frank Blümles gegen Joel Tambwe Djeko (Belgien) wird heute um 21 Uhr auf dem TV-Sender Eurosport übertragen.


zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen