Gerichtsbericht : Abzocke am Bahnhof war nicht nachweisbar

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Im Zweifel für den Angeklagten: Schöffengericht spricht 37-Jährigen vom Vorwurf des Raubes frei

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06. März 2018, 09:00 Uhr

Neumünster | Eigentlich schien der Fall sonnenklar: Am späten Abend des 21. August 2016 war ein 17-jähriger Schüler vor dem Bahnhof von einem Unbekannten niedergeschlagen und beraubt worden. Als der junge Mann seinen Peiniger durch den Posttunnel verfolgte, zückte der Räuber ein Messer und drohte dem Verfolger. Das Opfer schreckte zurück, der Räuber entkam unerkannt mit seiner Beute, einem teuren Handy, mit dem das Opfer Minuten zuvor noch mit Freundin und Vater telefoniert hatte.

Nur wenige Tage später keimte in dem jungen Mann die Hoffnung auf, sein teures Handy vielleicht doch noch zurückzubekommen. Auf dem Parkdeck in der Christianstraße glaubte er, den Räuber wiedererkannt zu haben. Diesmal blieb er dem Mann auf den Fersen und alarmierte während der Verfolgung des Unbekannten die Polizei. „Erst war ich mir nicht sicher, später schon: die Figur, das Gesicht, die Mimik – es passt alles zusammen“, versicherte das inzwischen volljährige Opfer gestern vor dem Schöffengericht. Auch die Frage des Vorsitzenden Richters, ob er in dem Angeklagten den Räuber vom 21. August 2016 wiedererkenne , beantwortete er mit einem klaren Ja.

Ein klarer Fall also – so schien es. Doch je länger die Verhandlung dauerte, desto mehr offene Fragen taten sich nicht nur für den Verteidiger auf. Nach eigenem Bekunden hatte das Opfer in der Tatnacht „den ersten Vollrausch des Lebens“ durchlebt. Das bestätigte auch der eigene Vater: Sein Sohn sei so betrunken gewesen, „er weiß nicht mehr genau, was er erzählt“, zitierte der Verteidiger genüsslich aus dem Vernehmungsprotokoll der Polizei von der Tatnacht.

Ein Polizist, der den Raub in der Nacht aufgenommen hatte, erinnerte sich ähnlich: Der junge Mann sei zwar nicht hilflos, aber doch sehr konfus in seiner Schilderung der Abläufe gewesen. So sei etwa nicht klar zu klären gewesen, wo der Raub genau stattgefunden habe. „Uns schien der Mann ein bisschen desorientiert“, brachte der Beamte es auf den Punkt.

Eine Steilvorlage für das Schlussplädoyer des Verteidigers: „Die Polizei spricht von einer beginnenden Desorientierung des mutmaßlichen Opfers, aber wenige Tage später will es den Täter klar auf der Straße identifiziert haben, das ist nicht nachvollziehbar.“

Das Gericht sah das ähnlich: Für eine Verurteilung bestünden zu große Zweifel an der Schuld des Angeklagten, fasste der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung zusammen und sprach den 37-jährigen Neumünsteraner frei. Der Haftbefehl wurde aufgehoben.

Der Staatsanwalt hatte dagegen auf schuldig plädiert und eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten gefordert. Ob er gegen das Urteil angeht, stand gestern noch nicht fest.

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