Weltwassertag : Abwasser wird zu Dünger und Strom

Klärwerksleiter Ingo Kühl zeigt den Besuchern die übel riechenden Rückstände des ersten Filterprozesses: überwiegend Partikel von Toilettenpapier und Hygiene-Artikeln.
Klärwerkleiter Ingo Kühl zeigt den Besuchern die übel riechenden Rückstände des ersten Filterprozesses: überwiegend Partikel von Toilettenpapier und Hygiene-Artikeln.

500 Kilometer Kanal verlaufen unter Neumünsters Straßen.

shz.de von
23. März 2017, 13:00 Uhr

Neumünster | Sieben Millionen Kubikmeter. Für so viel Wasser müssten sämtliche Neumünsteraner ein Jahr lang jeden Tag zweimal baden. Die Menge entspricht dem anfallenden Abwasser, das jedes Jahr von der städtischen Kläranlage gereinigt wird. „Abwasser“ war auch das Motto des gestrigen Weltwassertages. Diesen nahm Ingo Kühl, Leiter der Anlage an der Niebüller Straße, zum Anlass, Besucher durch sein Reich zu führen. Die lernten: Hier wird nicht nur gereinigt – aus den Rückständen werden außerdem Dünger und Energie gewonnen.

500 Kilometer Kanal verlaufen unter Neumünsters Straßen, zur einen Hälfte für Regen-, zur anderen für Schmutzwasser. Über insgesamt 65 Pumpstationen gelangt Letzteres zum Klärwerk. „Wenn eine dieser Pumpen ausfällt, merken Sie das zu Hause. Dann haben Sie hoffentlich eine gut funktionierende Rückschlagklappe an ihrem Ende der Leitung. Sonst dient uns Ihr Keller als zusätzlicher Stauraum“, erklärt Kühl den Besuchern und grinst.

Er führt die Gäste zur ersten Station: die Rechenanlage. Sofort merkt man, dass hier ein Sinn mehr als bei Führungen üblich bedient wird: Es stinkt gewaltig. Die braune Brühe wird nacheinander durch immer feinere Gitter geführt, durch die der gröbste Unrat herausgefiltert wird. „Das Meiste sind Artikel der Damenhygiene“, sagt Kühl. Wertvolles hätte sich noch nie unter den Resten gefunden, erwidert er auf die Frage eines Besuchers. „Es rufen immer wieder Leute an, die ihr Gebiss vermissen oder einen Ehering. Aber so etwas bleibt bereits in der Kanalisation zurück.“

Nächster Schritt: Das vom Gröbsten befreite Wasser wird in Becken geleitet, in denen schwere Stoffe wie Sand und Kies sowie aufschwimmende Stoffe wie etwa Fett abgesaugt werden. Damit ist die mechanische Reinigung abgeschlossen. „In den 30er-Jahren war hier Schluss“, erzählt Kühl. Über die Jahrzehnte stellte man aber nach und nach fest, was noch alles im nur scheinbar sauberen Nass schwimmt: Ammonium und verschiedene Phosphate etwa.

Deshalb reiht sich heute an die mechanische Reinigung eine biologische. Kühl: „Jetzt kommen unsere kleinsten Mitarbeiter zum Einsatz.“ In so genannten Belebungsbecken tummeln sich Mikroorganismen und bauen kleinste Schmutzstoffe ab. Auf der Wasseroberfläche bilden sie einen „biologischen Rasen“, einen unappetitlich aussehenden schaumig-braunen Film.

Dieser wird im Nachklärbecken vom Wasser getrennt, das jetzt klar sprudelnd in den Bullenbek, von hier aus in die Stör und schließlich in die Nordsee fließt. Nach EU-Werten hat das Wasser der Stör in Klärwerk-Nähe die Note 2 – laut Klärwerksleiter besser als an anderen Stellen des Flusses, wo die Landwirtschaft durch Düngung die Note auf eine 3 drückt.

Die Mikroorganismen filtern aus dem Abwasser auch Stoffe wie Stickstoff und Phosphor, welche den nach der Reinigung zurückbleibenden Klärschlamm für die Landwirtschaft interessant machen. Denn der Klärschlamm wird nicht einfach entsorgt. Er dient als Dünger für die Äcker rund um Neumünster. Bevor dieser von Lastwagen abtransportiert wird, lagert er in riesigen, 17 Meter hohen Faultürmen. Beim Faulen der breiigen Masse bildet sich Methangas. Und mit dem wiederum wird Strom erzeugt: Zwei Millionen Kilowattstunden pro Jahr, so viel wie 400 vierköpfige Familien im Jahr verbrauchen, und genug, um die Hälfte des Bedarfs der gesamten Anlage zu decken.

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