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Holsteinischer Courier

23. November 2017 | 21:43 Uhr

Ausstellung : Abrechnung mit der Sucht

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Christoph Simonis (59) zeigt Bilder und Botschaften vom Leben und dem Kampf gegen seine Abhängigkeiten

shz.de von
erstellt am 23.Apr.2014 | 10:00 Uhr

Neumünster | Ratten, die im Glas schwimmen, ein Grabstein für den süchtigen Gärtnermeister, ein Auge in Nahaufnahme, das in ein Rotweinglas blickt: Die Botschaften von Christoph Simonis sind drastisch, schonungslos, aber auch deutlich und unmissverständlich. Unter dem Titel „Schlucken und Schweigen“ schildert der 59-Jähriger, von Beruf Gärtnermeister, die verschiedenen Facetten seiner Suchtkarriere in sehr persönlichen Bildern. Die Ausstellung ist noch bis zum 16. Mai im Rathausfoyer zu sehen.

Zehn Entgiftungen, jahrelange Abhängigkeit von dem Aufputschmittel Captagon, später von Codein, acht Jahre Enthaltsamkeit, Morphiumsucht und Alkoholismus – Simonis litt an einer Politoxie, einer Mehrfach-Abhängigkeit. Ein Auslöser dafür war aus seiner Sicht der Druck im Arbeitsalltag: „Mit Captagon konnte ich körperlich arbeiten wie ein Berserker“, sagt er. Als Captagon 1986 unter das Betäubungsmittelgesetz fiel, tauschte er diese Sucht dank eines Kieler Drogenarztes gegen Codeinabhängigkeit. „Ich merkte, dass ich ein Fass ohne Boden war. Bei 70 Pillen pro Tag war nicht Schluss“, erinnert er sich. Er hatte mehrere Betriebe, arbeitete als Ausbilder und betreute Arbeitslose, war ein Teil der arbeitenden Bevölkerung. Er wirkt und wirkte nicht wie ein typisch Süchtiger: „Ich war immer sozial integriert und habe viel gearbeitet.“ Doch „die Einschläge kamen näher“, er zersägte sein Auto, verletzte sich im Delirium. Er erkannte: „So geht es nicht weiter.“ Auch seine Familie übte Druck aus, sagte, er müsse Nägel mit Köpfen machen. Er schaffte es, und statt mit der üblichen Beschäftigungs-Therapie wie Malen oder Basteln verarbeitete er seine Sucht und den Kampf gegen sie mit Hilfe seines langjährigen Hobbys, der Fotografie. Zu Passagen über Selbstbetrug, die Gier nach Leistung, Halluzination im Delirium und Entzug stellt Simonis auch Zahlen (140 Millionen „Alkis“ weltweit) und die wirtschaftlichen Folgen der Sucht.

„Es ist gut, dass wir uns dem Thema öffentlich stellen. Wer eine Suchtproblematik hat, muss den ersten Schritt tun. Viele Besucher sollten zu positiven Multiplikatoren werden“, zollte Stadtpräsident Friedrich-Wilhelm Strohdiek seine Hochachtung. Simonis betonte, wie wichtig die Entscheidung des Süchtigen ist: „Es gibt kein perfektes Rezept für den Ausstieg. Aber man muss nicht erwarten, dass man aus dem Sumpf gezogen wird, sonst macht man sich etwas vor.“

 

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