90 Jahre auf der Pfennigseite

Ein Foto der geliebten Vicelinkirche  hängt  im Zimmer von Johanna Bünz im Propst-Riewerts-Haus an der Wand.  Den einzigartigen Blick auf ihren 'Dom' von ihrem alten Balkon aus vermisst die 91-Jährige  ein wenig. Foto: Ziehm
Ein Foto der geliebten Vicelinkirche hängt im Zimmer von Johanna Bünz im Propst-Riewerts-Haus an der Wand. Den einzigartigen Blick auf ihren "Dom" von ihrem alten Balkon aus vermisst die 91-Jährige ein wenig. Foto: Ziehm

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01. März 2011, 06:10 Uhr

Neumünster | "Die 46 ist meine Glückszahl", sagt Johanna Bünz. Fast ihr gesamtes Leben lang wohnte die 91-Jährige im selben Haus am Großflecken 46. Heute wären es genau 90 Jahre gewesen. Auf die Feststellung "Noch bin ich Mieterin" legt Johanna Bünz großen Wert. Allerdings lebt sie nach einem Krankenhausaufenthalt seit kurzem im Propst-Riewerts-Haus.

Ihre Glückszahl ist mit zwei weiteren Daten verknüpft: Johanna Bünz wurde an der Wasbeker Straße 46 geboren, und 1946 heiratete sie ihren Mann Otto Bünz. Der Name ihres verstorbenen Mannes steht noch heute auf dem Türschild. Am 1. März 1921 bezogen ihre Eltern Emma und Wilhelm Kruse die Hausmeisterwohnung im Souterrain am Großflecken 46. Das Haus wurde 1911 gebaut und gehörte der Familie Braasch. Die betrieb gleich nebenan am Großflecken 44 eine Hefefabrik und eine Schnapsbrennerei. "Braasch - alter Korn, das war eine Marke in Neumünster", sagt Johanna Bünz anerkennend und hält noch heute eine Rarität in Ehren. "Ich habe noch eine Vierkantflasche Rum von Uwe Braasch", sagt sie. Das gute Stück ist mindestens 52 Jahre alt, denn 1959 stellte die Brennerei ihren Betrieb ein. In dem Haus ist heute unter anderem der Friseursalon Schereika.

Als Kind des Großfleckens ist Johanna Bünz fast ein wandelndes Geschichtsbuch. Sie war 1929 als kleines Mädchen eine Zeitzeugin der Landvolk-Demonstrationen, die Hans Fallada in "Bauern, Bonzen und Bomben" literarisch verewigte. Der Großflecken war Aufmarschplatz der Nazis und in der Schlussphase des Krieges ein heißes Pflaster. "Die Bombenangriffe haben unser Haus verschont. Drüben auf der anderen Seite ist aber viel kaputt gegangen", sagt Johanna Bünz. "Drüben", das war damals die "Groschenseite mit den besseren Leuten und den besseren Geschäften. Wir waren die armen Leute auf der Pfennigseite", sagt sie.

Dabei hatte das Haus mit der Nummer 46 für Neumünsteraner Verhältnisse richtig große, repräsentative Wohnungen, die sich über eine ganze Etage erstreckten und erst später aufgeteilt wurden. Die Vermieterfamilie Braasch wohnte hier, der Arzt Prof. Paul Graf hatte hier seine Praxis und Wohnung. Unten hatten Elektro-Specht und der Kolonialwarenhändler Carven ihre Geschäfte. Nach dem Krieg war das Haus auch viele Jahre lang Sitz der Industrie- und Handelskammer.

Nach der Geburt ihrer Kinder Dörte und Ute wohnte die Familie Bünz/Kruse mit drei Generationen in der Wohnung. Johanna und Otto Bünz beerbten die Eltern im Hausmeisteramt und zogen 1963 vom Souterrain in die dritte Etage. Der Großflecken war Europastraße, doch der Verkehr hat Johanna Bünz nie gestört. "Wir wohnten ja nach hinten raus zum Waschpohl mit Blick auf die Vicelinkirche, meinen Dom", sagt sie.

Den schon längst zugeschütteten Fußgängertunnel unter dem Großflecken mochte Johanna Bünz dagegen nie. "Ich bin immer so über die Straße gegangen", sagt sie und nennt den Umbau von 1991 ein Ärgernis: "Für Ältere ist das ein richtiges Stolperpflaster." Dass der Wochenmarkt zurzeit wieder am Großflecken seinen Platz gefunden hat, findet sie gut. Jetzt wohnt sie im Propst-Riewerts-Haus an der Plöner Straße und fühlt sich hier auch wohl. Nur eines vermisst sie: den besonderen Blick von ihrem alten Balkon auf die Vicelinkirche.

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