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Asyl in SH : 500 Flüchtlinge nach Boostedt: „Wir fühlen uns überrumpelt“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

In Boostedt im Kreis Segeberg sollen Hunderte Flüchtlinge untergebracht werden. Die Gemeinde zeigt sich besorgt – und verabschiedet eine Petition.

shz.de von
erstellt am 24.Sep.2014 | 05:00 Uhr

Boostedt | Jetzt ist es Fakt: Auf der Boostedter Gemeindevertretersitzung gab der Staatssekretär des Innenministeriums, Bernd Küpperbusch, bekannt, dass die Bundeswehr den Weg frei gemacht hat. Das Land wird in der Boostedter Rantzau-Kaserne für die kommenden fünf Jahre bis zu 500 Asylsuchende unterbringen.

„Laut Aussage der Bundeswehr können ab dem 1. November bestimmte Bereiche freigegeben werden“, erklärte Küpperbusch auf der außerordentlichen Sitzung am Montagabend, zu der auch rund 90 Besucher in die Mensa der Schule gekommen waren.

Nach dem Willen der Landesregierung sollen dann in den Unterkünften, als Zweigstelle der zentralen Aufnahmestelle in Neumünster, bis zu 500 Flüchtlinge untergebracht werden. Geplant ist dazu, das Gelände mit einem Zaun vom Kasernengelände abzugrenzen. Der Zugang soll dabei von Norden über die Straße erfolgen, die zum Truppenübungsplatz führt.

Der Mietvertrag für das Gelände wird jedoch von vornherein mit der zuständigen Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) geschlossen, da die Bundeswehr die Kaserne Ende 2015 aufgeben wird.

„Die Einrichtung soll als zeitlich begrenzter Parallelbetrieb zur Aufnahmestelle in Neumünster eingerichtet werden. Eine dauerhafte Nutzung ist nicht vorgesehen, da die Zentrale im Haart zeitnah auf 800 bis 850 Plätze ausgebaut werden soll“, erklärte der Staatssekretär.

Unter den Gemeindevertretern sowie auch unter den Boostedter Bürgern herrschte während der Sitzung allgemeine Einigkeit darüber, dass man humanitäre Hilfe leisten wolle. „Wir empfinden dies als unsere menschliche Aufgabe, der wir uns stellen wollen. Unser Ziel ist es, eine einheitliche Position in der Gemeinde herzustellen“, schickte Bürgermeister Hartmut König (CDU) voraus.

Deutlich kritisiert wurde jedoch die Informationspolitik der Landesregierung. „Wir werden hier vor vollendete Tatsachen gestellt. Mit uns hat keiner vorher gesprochen. Wir fühlen uns überrumpelt. Es wäre angebracht, dass sich hier Herr Breitner als Innenminister einmal selbst zeigt und uns sein Vorhaben erklärt“, hieß es dazu von mehreren Seiten.

Besorgt äußerten sich viele Zuhörer zudem über die Größenordnung der geplanten Einrichtung. „In einer Stadt mit rund 80.000 Einwohner werden 450 Asylbewerber untergebracht und in einer Gemeinde mit 4600 Einwohnern sollen 500 Flüchtlinge aufgenommen werden. Das steht doch in keinem Verhältnis“, kritisierte Gemeindevertreter Wolfgang Brückner (CDU).

Letztlich bewegten die Zuhörer jedoch auch viele praktische Fragen zur Versorgung und zum Umgang mit den Asylbewerbern. Von zentraler Bedeutung war dabei die Frage, wie das Land eine umfassende Betreuung der Flüchtlinge sicherstellen will. Werden genug Ärzte da sein? Wie werden die Menschen beschäftigt? Kann man traumatisierten Menschen überhaupt zumuten, in einer aktiven Kaserne zu leben? Und, wie wird eigentlich der Brandschutz in der Kaserne sichergestellt? Diese Fragen gehörten zu den Sorgen der Anwesenden.

Zudem wurden jedoch auch Ängste, unter anderem gegenüber ansteigender Kriminalität im Ort geäußert. Ulf Döhring, Leiter der zentralen Aufnahmestelle am Haart in Neumünster, erläuterte anhand seiner 14-jährigen Erfahrung, dass es zwar Straftaten gebe. „Diese unterscheiden sich aber nicht von allgemeinen Straftaten in anderen Gesellschaften“, sagte er. Tatsächlich gebe es im Haart keine Probleme. Auseinandersetzungen seien selten. „Wir arbeiten hier seit 20 Jahren nach dem Konzept, dass die Akzeptanz umso größer ist, je mehr Willkommenskultur geleistet wird. Und wir haben damit gute Erfahrungen gemacht“, führte er aus.

Um die Nutzung der Kaserne gemeinverträglich zu gestalten, verabschiedete die Gemeindevertretung zum Ende der Sitzung schließlich einstimmig eine Petition an die Landesregierung. Das Land wird aufgefordert die Anzahl der unterzubringenden Asylbewerber auf maximal 250 Personen zu korrigieren.

Außerdem soll die Personenzahl auf die Aufnahmequote des Kreises Segeberg angerechnet werden (bisher 630 Personen/Stand Juni). Innerhalb der Einrichtung soll eine umfassende soziale und medizinische Betreuung sowie auch eine permanente Polizeipräsenz sichergestellt sein.

Die Nutzung der Einrichtung soll verbindlich auf fünf Jahre festgeschrieben werden und die Landesregierung soll sich verpflichten, die Gemeinde über zukünftige Planungen im Zusammenhang mit der Aufnahmestelle frühzeitig zu unterrichten.

Mit diesen Forderungen sowie mit einem umfassenden Fragenkatalog soll sich das Innenministerium auseinandersetzen. Die Antworten erwarten die Boostedter zur Einwohnerversammlung, die für den 8. Oktober ab 19.30 Uhr im Hof Lübbe angesetzt ist.
 

Kommentar von Susanne Otto

Chancen sehen

Es gab kaum einen Zweifel, dass es so kommen würde: Ein Teil der Rantzau-Kaserne  wird zur Zweigstelle der Landesunterkunft, und Boostedt wird bis zu 500 Flüchtlinge aufnehmen. Die Gemeinde Boostedt tut gut daran, weiterhin so besonnen zu reagieren wie bisher, die Bürger mit ins Boot zu nehmen und die Chance zu nutzen, sich als gastfreundliche Gemeinde  zu präsentieren. Boostedter könnten zum Beispiel Patenschaften für Flüchtlinge übernehmen, sie ein Stück in der Fremde begleiten und das Verständnis  auf beiden Seiten fördern. 

Und noch eines: Wenn die Bundeswehr die Rantzau-Kaserne Ende 2015 geräumt hat, werden Asylbewerber noch einige Jahre dort bleiben. Seit zwei Jahren versucht die Gemeinde, Konzepte für die Nachnutzung des Kasernen-Geländes zu finden – bisher vergeblich. Vielleicht eröffnet die Flüchtlingsunterkunft auch hier neue Perspektiven.



 

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