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Selbsthilfe : 40 Jahre Al-Anon: Hilfe für Angehörige

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Partner von Alkoholsüchtigen leiden enorm unter der Situation / Neue Gruppe für erwachsene Kinder wird gegründet

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2015 | 08:00 Uhr

Neumünster | Anna ist verzweifelt. Ihr Mann Peter liegt kurz vor Dienstbeginn im Bett – betrunken. Wie fast jede Woche. Peter ist Alkoholiker, und Anna tut das, was sie immer tut: Sie ruft bei der Firma an und lügt – ihr Mann habe Fieber. „Das ist ein typisches Verhalten für Angehörige von Alkoholkranken. Sie helfen, die scheinbare Fassade der heilen Welt aufrechtzuerhalten. Aber in Wirklichkeit leiden sie, werden krank“, sagt eine 58-jährige Neumünsteranerin. Sie ist viele Jahre bei Al-Anon, der Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker für Angehörige. Die zwei hiesigen Gruppen feiern jetzt ihr 40-jähriges Bestehen.

Oberstes Gebot ist Diskretion, daher nennen sich die Teilnehmer beim Vornamen. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie wollen etwas ändern. „Der erste Schritt ist wie bei den Alkoholkranken selbst die Erkenntnis, dass man Hilfe braucht. Das dauert häufig Jahre“, sagt die Al-Anon-Angehörige. Denn die kranken Partner mit Lügen und Ausreden zu decken, ist falsch, macht krank – psychosomatische Störungen, Depressionen bis hin zu Magengeschwüren drohen. „Außerdem entsteht eine verzerrte Wahrnehmung der Realität, auch können die leeren Versprechungen, mit dem Trinken aufzuhören, aggressiv machen. Manche ziehen sich auch zurück“, hat die Gruppenteilnehmerin beobachtet. In der Gruppe geht es darum, innerlich zu erwachen, mit dem Lügen aufzuhören, die Verantwortung für die Sucht wieder an den Partner zurückzugeben, ihn „notfalls auf die Schnauze fallen zu lassen.“ „Das kann, muss aber nicht zur Trennung führen. Manchmal wirkt es wie ein Paukenschlag, wenn die Frau auf gepackten Koffern sitzt“, sagt die Frau. Im Fokus steht das Wohl der Angehörigen: „Sie müssen lernen, sich wieder um sich selbst zu kümmern. Das kann ein Hobby sein, ein Spaziergang oder der Blick für das Positive im Tag“, sagt die Teilnehmerin, die betont, dass Al-Anon konfessionsübergreifend arbeitet und offen für jeden ist.

In besonderer Weise betroffen sind Kinder von alkoholsüchtigen Eltern. „Sie haben das Urvertrauen verloren, werden vernachlässigt, müssen oft auf kleinere Geschwister aufpassen, übernehmen die Verantwortung der Eltern. Das hat Auswirkungen auf das ganze Leben, möglicherweise auf die Partnerwahl und auf das Selbstbewusstsein. Man hat beispielsweise Probleme mit Autorität“, sagt eine jüngere Frau aus eigener Anschauung. Für diese „erwachsenen Kinder“ wird es eine neue Al-Anon-Gruppe geben (Start: 18.11., jeden 3. Mittwoch im Monat, DRK-Haus, Schützenstraße 12-14).

Die zwei Al-Anon-Gruppen feiern das 40-Jährige mit einem „offenen Geburtstags-Treffen“ am Sonnabend, 17. Oktober, ab 14 Uhr (Einlass ab 13 Uhr) im Katholischen Gemeindezentrum, Linienstraße 3. Motto: „Viele Stimmen, eine Reise“.

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