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Jubiläum : 30 Jahre Notruf: Gewalt als Dauerthema

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

In einem privaten Wohnzimmer fing es an / Heute ist der Notruf anerkannte Fachberatung / 2014: 198 Gewaltopfer und 1342 Beratungen

shz.de von
erstellt am 04.Nov.2015 | 08:30 Uhr

Neumünster | Es kann zu jeder Tageszeit passieren – nachts um halb eins klingelt das Telefon, eine Frau meldet sich. Sie ist zum wiederholten Mal von ihrem Mann geschlagen und vergewaltigt worden. „Häusliche Gewalt geht zu 90 Prozent von Männern aus“, sagt Gudrun Seehawer, Diplom-Sozialpädagogin beim Notruf Neumünster. Die Fachberatung bei häuslicher und sexueller Gewalt hat Tausenden von Betroffenen geholfen – und was als ein Telefondienst in einem privaten Wohnzimmer begann, ist jetzt eine anerkannte Fachberatung, die einzige zum Thema Gewalt in der Stadt. Jetzt begeht der Notruf sein 30-jähriges Bestehen.

„Gewalt geht quer durch alle sozialen Schichten, passiert in vielen Formen. Dabei spricht man über häusliche Gewalt eher als über sexuelle Gewalt. Das wird auch in der heutigen aufgeklärten Zeit immer noch tabuisiert. Denn wenn Vater, Bruder, Onkel oder Großvater sich vergreifen, hält die Familie als System dicht. Drohungen wie ‚Wenn Du was verrätst, ist Deine Katze tot und Deine Mutter geht ins Gefängnis‘ bringen das betroffene Kind zum Schweigen“, sagt Gudrun Seehawer. Betroffene Frauen outen sich teils erst Jahre später – mit 30, 40 oder 50 Jahren, mit Panikattacken, Schlafstörungen oder Depressionen: „All’ die Jahre habe ich das verdrängt“, heißt es dann. Zwei Drittel der Betroffenen melden sich selbst, ein Drittel wird von der Polizei an den Notruf übermittelt.

Die Zahlen sprechen für sich: 2014 kamen 339 Personen zum Notruf, davon 198 Gewaltopfer und 141 Angehörige oder Fachkräfte. Es gab 498 Verfahren bei der Staatsanwaltschaft zu häuslicher Gewalt. Insgesamt fanden 1342 Beratungsgespräche statt, davon 1065 für Gewaltopfer, 422 zu häuslicher Gewalt und Körperverletzung in Ehe oder Partnerschaft und 348 Beratungen zum Thema sexueller Missbrauch in der Kindheit. Wie es zur Gewalt kommt? Als eine Ursache nennt Gudrun Seehawer die Gewalt-Selbsterfahrung – im Krieg, in der Familie. „Vor allem Männer können das Gefühl der Hilflosigkeit schlecht verkraften und schlagen später zu, um Macht zu erleben.“

Die Klientel sind nicht nur Frauen: „Wir beraten auch Männer. Es gibt gewalttätige Frauen, es gibt aber auch Väter, deren Töchter vergewaltigt wurden und die nun nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen“, sagt die 51-Jährige, die 1994 als erste hauptamtliche Kraft mit therapeutischer Zusatzausbildung beim Notruf anfing und einen Großteil der wechselvollen Notruf-Geschichte miterlebt hat – inklusive Hausdurchsuchungen oder drohendem Aus. Es fing als Notrufgruppe für vergewaltigte Frauen und Mädchen, professionalisierte sich angesichts steigender Zahlen. Von der Bahnhofsstraße 44 („es regnete durchs Dach“) ging es 1996 in die Wittorfer Straße 18, 2004 zur heutigen Adresse am Fürsthof 7. Immer wurde hart ums Geld gerungen. Am Anfang privat finanziert, war die Notruf-Arbeit viele Jahre „finanziell ein Job auf dem Schleudersitz“, sagt Gudrun Seehawer. Mit zur Arbeit gehören neben der Beratung auch Schulungen, Workshops und Fortbildungen für Multiplikatoren wie Ärzte, Kita-Kräfte, Lehrer, Hebammen und andere. 2002 übernahm der Notruf die Trägerschaft des Koordinations- und Interventionskonzeptes bei häuslicher Gewalt (KIK); „Da saßen alle an einem Tisch – Polizei, Staatsanwaltschaft, Justiz, Jugendamt, Täterberatung, ASD, Kinderschutzbund. Das war und ist bis heute eine bewährte Zusammenarbeit“, sagt die Sozialpädagogin. Außerdem trat das Gewaltschutzgesetz in Kraft. Gewalttätige Männer (oder Frauen) konnten aus der Wohnung weggewiesen werden. 2007 wurde der erste Vertrag mit der Stadt geschlossen; 46  300 Euro gibt es jährlich von der Stadt, 50  000 Euro vom Land. Aktuell steht im Jugendhilfeausschuss die Genehmigung weiterer städtischer Mittel zur Debatte.

Im Internet: www.frauennotruf-neumuenster.de.

KOMMENTAR

von Gabriele Vaquette

Genau hinschauen

Anfangs wurden sie belächelt, in eine ideologische Ecke gestellt, finanzierten ehrenamtlich und privat ihr Tun. Heute leisten die Notruf-Frauen anerkannte gesellschaftliche Arbeit, denn Gewalt ist ein Dauerproblem – und nicht nur bei der bildungsfernen Klientel. „Wenn Akademiker schlagen, haben die Frauen dank Ferienwohnungen oder Zweitdomizil mehr Möglichkeiten, das zu verbergen“, sagt Gudrun Seehawer aus Erfahrung. 30 Jahre Notruf ist damit leider kein purer Grund zum Feiern, sondern mahnt, genau hinzuschauen. Er ist eine Reparaturwerkstatt, die leider noch weiter ihren (bezahlten) Dienst tun muss.

 

 

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