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Jubiläum : 20 Jahre Tafel: Die Grenze ist erreicht

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

3000 Menschen werden pro Woche mit Nahrungsmitteln versorgt. Für die Ausgabe und das Fest werden dringend Helfer gesucht.

von
erstellt am 09.Aug.2014 | 06:00 Uhr

Neumünster | Am Anfang waren es zwei Dutzend Menschen, die mit kostengünstigen Lebensmitteln versorgt wurden – und drei soziale Einrichtungen. Heute, 20 Jahre später, steht jeden Donnerstag eine lange Schlange bei der Tafel an der Kieler Straße an. Rund 3000 Menschen werden pro Woche versorgt, schätzt die Tafel-Chefin Christina Arpe. Am Sonnabend, 30. August, wird der runde Geburtstag mit einem Fest für alle Bürger gefeiert – ein Datum, das die 38-Jährige mit gemischten Gefühlen betrachtet.

„Wir sehen uns im Zwiespalt. Zum einen denken wir: Warum muss es uns geben? Zum anderen: Gut, dass es uns gibt. Unser Fest stellen wir unter das Motto ,(K)ein Grund zum Feiern’, um das auszudrücken“, sagt Christina Arpe, die seit 1999 die Tafel leitet. 28 Helfer – Ehrenamtliche und Ein-Euro-Jobber – sortieren Obst, Gemüse, Brot, Süßigkeiten und Konserven in die Regale und in die Kühltruhen, geben die Nahrungsmittel aus. „Es kann wirklich jeden treffen. Ursachen sind Arbeitslosigkeit, Trennung, Krankheit. Besonders schockierend ist, dass die Altersarmut steigt. Trotz jahrzehntelanger Arbeit rutschen Ältere in diese Falle“, sagt Christina Arpe.

Zum Beispiel Helene Biel (62) aus Neumünster. Sie ist arbeitslos, hat 100 Euro im Monat für Nahrung zur Verfügung: „Man muss sich das gut einteilen. Ohne Tafel ginge es nicht.“ Marita Horn (51) hat im Altersheim als Küchenhilfe gearbeitet, muss von 200 Euro sich und ihre Tochter (16) verpflegen. „Ich würde gerne arbeiten, aber mit 51 Jahren bekomme ich nur Absagen“, sagt sie.

Vier bis fünf Wagenladungen holen die Fahrer ab 9 Uhr von diversen Supermärkten ab. Mit einem privaten Fahrzeug fing es an, jetzt verfügt die Tafel über zwei Kindertafel-Busse, einen Kleinwagen und drei Kühlwagen. „Die vorgeschriebene Kühlkette wird penibel eingehalten. Erst neulich hatten wir eine Kontrolle – es gab keine Beanstandungen“, sagt sie. Auch dass im Übrigen alles einwandfrei abläuft, ist Christina Arpe wichtig. „Alle Spenden kommen dort an, wo sie hin sollen“, betont sie und erzählt von Menschen, die sie privat frech im Supermarkt ansprechen: „Was, Sie kaufen noch ein?“ Solche Anfeindungen und Unterstellungen, die immer wieder kursieren, sitzen ihr quer: „Das geht mir persönlich nahe. Die Tafel ist mein Baby, ich stehe dafür mit meinem Namen. Solche Äußerungen sind Rufmord. Jeder kann vorbeikommen und schauen, wir haben keine Geheimnisse“, sagt sie.

Für die Ausgabe erhalten die Kunden Uhrzeitkarten. „Wir verteilen keine Nummern. Menschen sind keine Nummern“, erklärt Christina Arpe. Die Tafel ist mehr als nur Lebensmittelausgabe. Seit 2009 gibt es das Tafel-Café; in der Kindertafel erhalten Kinder eine warme Mahlzeit und Schulaufgabenhilfe. Es gibt außerdem ein Ferienprogramm – dank Spenden sind ein Ausflug zur Phänomenta und ein Segeltörn möglich. Geholfen wird nicht nur mit Essen, sondern auch mit Auskünften – wo es günstig Ranzen gibt, wer beim Wohngeld weiterhilft oder wo man zur Schuldnerberatung gehen kann.

Die Tafelchefin und ihr Team hören von vielen persönlichen Schicksalen. „Man bekommt aber auch etwas zurück. Wenn Menschen über beide Ohren strahlen, weil sie ein Paar Schuhe erhalten, dann haben wir was richtig gemacht“, sagt sie. Der Bedarf steigt: „Pro Ausgabe haben wir 15 bis 30 Neuanfragen, aber wir haben einen Aufnahmestopp. Die zeitliche und personelle Grenze ist erreicht. Wir brauchen dringend Helfer, auch für unser Fest“, sagt Christina Arpe.



Das Tafelfest am Sonntag, 30. September, wird auf dem Großflecken von 11 bis 19 Uhr gefeiert. An einer langen Tafel können alle Bürger, Helfer, Freunde und Sponsoren gemeinsam essen. Für das leibliche Wohl gibt es Grillwurst, Erbsensuppe, Kuchen & Co. Es gibt Kinderschminken, eine Hüpfburg, die Feuerwehr kommt. Für Musik sorgt die Neumünsteraner Band „For Emotions“ und der Sänger Volker Rachow.

Kommentar:

(K)ein Grund

zum Feiern3000 Menschen versorgt die Tafel pro Woche. Das macht  nachdenklich. Es ist gut, dass es die Tafel gibt, es ist aber auch bedrückend. Es stimmt sicher, dass der Anteil der Bedürftigen steigt;  ihnen muss geholfen werden.  Es ist aber auch ein Spiegel dafür, dass sich mehr Menschen zur Tafel trauen. Vor 20 Jahren war die Schamgrenze, sich öffentlich als arm zu bekennen,  noch höher. Und es gab gefühlt mehr Nachbarschaftshilfe. Das ist wahrlich kein Grund zum Feiern.

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