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Bordesholm : 20 Jahre nach Misshandlung: Jugendamt arbeitet Fall auf

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Er und sein Zwillingsbruder erleben Schlimmes in einer Pflegefamilie im Kreis Segeberg. 20 Jahre später schildert Fabian Pee das Martyrium in seinem Buch. Das Jugendamt des Kreises Segeberg ist um Aufarbeitung des Falles bemüht.

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erstellt am 17.Jan.2014 | 06:00 Uhr

Fabian Pee und sein Zwillingsbruder haben jahrelang in einer Pflegefamilie im Umland von Neumünster gelitten. Mit einem Buch über sein Martyrium ging Fabian Pee jetzt an die Öffentlichkeit und sorgte so dafür, dass der Fall im zuständigen Jugendamt des Kreises Segeberg aufgearbeitet wird.

„Zehn lange Jahre wurden mein Zwillingsbruder Sebastian und ich von unseren Pflegeeltern seelisch und körperlich gequält, misshandelt und gedemütigt. Wir wurden gehalten wie Sklaven und erfuhren an Geist und Körper, was es heißt, durch die Hölle gehen müssen. Das alles unter staatlicher Aufsicht des Jugendamtes, einer wegschauenden, gut bürgerlichen Nachbarschaft in einer überschaubaren Gemeinde bei Neumünster in einem Einfamilienhaus mit der Nr. 15.“ So beschreibt Fabian Pee sein erlebtes Martyrium, das er bis heute nicht verkraftet hat. Darüber hat der 28-jährige Busfahrer aus Bordesholm mit Unterstützung des Bordesholmer Altbürgermeisters Jürgen Baasch ein Buch geschrieben.

Für ihn persönlich ist das Buch ein Ventil, um die schrecklichen Erinnerungen verarbeiten zu können, die sich trotz therapeutischer Behandlung nicht aus dem Kopf verbannen lassen. Erschienen ist das 148-seitige Werk unter dem Titel „Misshandelt, verjährt. Kinderschänder auf freiem Fuß“ im Fabian Pee Verlag (ISBN 978-300-044367-1). Es ist nicht nur ein verspäteter Hilferuf, sondern eine Ermahnung an die Gesellschaft, nicht wegzuschauen.

Durch eine schwere Krankheit der allein erziehenden Mutter kam das Zwillingspaar 1991 in die Pflegefamilie im Kreis Segeberg. Fabian Pee erinnert sich: Hübsch und sauber angezogen wurden sie eingeschult. Mit der traditionellen Schultüte, bis an den Rand mit Süßigkeiten gefüllt. Allerdings nur zum Anschauen, denn nach der Zeremonie konfiszierte die Pflegemutter die Süßigkeiten. Eingesperrt im Keller, durften die beiden Jungen zunächst anfangs den Raum zu den Mahlzeiten und Toilettengängen verlassen. Für die Notdurft wurde den Kindern ein Eimer in den Raum gestellt. Den mussten sie nach Tagen im Wald entleeren. Haupttäterin soll die Pflegemutter gewesen sein.

1994 erstattete die Schwester der Pflegemutter dann endlich Anzeige. Auch das Segeberger Jugendamt bekam Kenntnis. Erst sieben Jahre später wurden die Jungen auf deren Impuls hin anderweitig untergebracht.

Aus den Akten im Segeberger Jugendamt geht hervor, dass ein Sozialpädagoge den Hinweisen nach der Anzeige aus dem Jahr 1994 nachgegangen war. Er konnte aber „im Aussehen der Zwillinge und im Verhalten der Jungs keine Hinweise auf eine Vernachlässigung oder Misshandlung entnehmen“.

Heute ist die Strafverfolgung verjährt, ließ die Kieler Staatsanwaltschaft Fabian Pee wissen. „Nicht verjährt wären die Kindesmisshandlungen. Dafür müsste ich aber angeben können, wann genau und wie lange die Taten stattgefunden haben. Das kann ich natürlich nach all den Jahren heute nicht mehr“, sagte der Bordesholmer.

Die Akten über den Fall liegen noch vollständig im Jugendamt des Kreises Segeberg. Die Schilderungen von Fabian Pee seien zwar nicht aus den Akten abzuleiten, aber sein Bericht sei absolut glaubwürdig, erklärte gestern Manfred Stankat. Der Boostedter leitet das Jugendamt des Kreises Segeberg. Der Fall Pee wurde am Mittwoch während der Sitzung des Jugendhilfeausschusses von Stankat vorgestellt und von allen Teilnehmern mit Betroffenheit zur Kenntnis genommen. Eine Fall-Werkstatt einzurichten war unabhängig vom Schicksal der Brüder Pee bereits geplant. Nun wird die Geschichte der Zwillingsbrüder der erste Fall sein, der auf diese Weise intern aufgearbeitet wird. Dabei soll auch beraten werden, wie den Betroffenen geholfen werden kann und wie Betroffene zur Aufarbeitung zusammengeführt werden können.

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