Berufsausbildung : 173 Lehrstellen sind noch zu haben

Im Bäckerhandwerk gibt es noch unbesetzte Ausbildungsstellen.
Im Bäckerhandwerk gibt es noch unbesetzte Ausbildungsstellen.

Betriebe haben zunehmend Schwierigkeiten, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Aber auch viele Jugendliche sind noch auf der Suche

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28. Juli 2015, 05:30 Uhr

Am kommenden Montag beginnt in vielen Betrieben der Stadt das neue Ausbildungsjahr. Zwischen dem Lehrstellenangebot und den Vorstellungen der Berufsanfänger klafft jedoch eine erhebliche Lücke. Gab es Ende Juni in Neumünster noch 249 unversorgte Bewerber – aktuelle Zahlen kann die Agentur für Arbeit erst am Donnerstag vorlegen –, waren gestern allein bei der Agentur noch 179 unbesetzte Ausbildungsstellen gemeldet.

„Die Berufswünsche der Jugendlichen stimmen häufig nicht mit dem Angebot an Ausbildungsstellen überein. Es besteht dann oftmals nicht die Bereitschaft, über berufliche Alternativen nachzudenken“, sagt Marianne Jurkschat, Teamleiterin im Arbeitgeberservice der Agentur. Insbesondere in den vermeintlich unattraktiven Berufen, etwa im Hotel- und Gaststättenbereich, im Einzelhandel und hier vor allem bei den Bäckereifachverkäufern, im Garten- und Landschaftsbau und bei den Berufskraftfahrern gebe es noch ausreichend freie Ausbildungsstellen.

Carsten Bruhn ist Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Mittelholstein und geht von gleich bleibenden Ausbildungszahlen wie im Vorjahr aus. „Per 30. Juni haben wir 150 neue Ausbildungsverträge im Handwerk“, sagt Bruhn. In Trendberufen wie Tischler oder Kfz-Mechatroniker sollten alle Ausbildungsplätze besetzt sein. „Bei den Malern und Lackierern, aber auch bei den Anlagenmechanikern für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie im Elektrobereich tun sich die Betriebe dagegen schwer“, sagt Bruhn. Es werde zusehends schwerer für die Handwerksbetriebe, geeignete junge Leute zu finden. Die Zahl der Bewerbungen gehe zurück, die Ausbildungsreife sei oft nicht ausreichend. „Dabei geben die Firmen auch vermeintlich schwächeren Bewerbern eine Chance“, so Bruhn: „Ein guter Praktiker ist nicht unbedingt ein guter Theoretiker – und umgekehrt.“

Auch in der Arbeitsagentur wirbt Marianne Jurkschat für diese Sichtweise. „Jugendliche haben auf den zweiten Blick oft mehr drauf“, sagt sie. Schulnoten spiegelten Stärken oft nicht wider. Die Agentur unterstütze mit der sogenannten „assistierten Ausbildung“.

Hans Joachim Beckers ist bei der Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein federführend für die Ausbildung und lobt die hohe Ausbildungsintensität der Betriebe. „Wir liegen bei den Eintragungen etwas über dem Niveau des Vorjahres“, sagt er. Dass vier von fünf Firmen heute mehr oder die gleiche Zahl an Ausbildungsplätzen anbiete, sei auch der stabilen Konjunktur geschuldet. Beckers: „Die Betriebe bilden zur Fachkräftesicherung aus, haben aber Schwierigkeiten, geeignete Bewerber zu finden.“ Jeder dritte Betrieb konnte 2014 seine Lehrstellen nicht besetzen. Das sei eine deutliche Zunahme. „Wir haben im Grunde einen Bewerbermarkt. Das heißt: Bewerber können sich den Betrieb aussuchen – nicht umgekehrt“, sagt Beckers: „Allerdings nehmen die Passungsprobleme zu, weil viele Bewerber nicht von ihrem Wunschberuf abrücken – und der soll möglichst noch vor der Haustür sein.“

In Neumünster gab es gestern vor allem hier noch freie Lehrstellen:

>Bäckereifachverkäufer: 17 Plätze.

>Kaufleute im Einzelhandel: 14 Plätze.

>Verkäufer: 12 Plätze.

>Friseure: 12 Plätze.

>Berufskraftfahrer: 8 Plätze.

>Restaurantfachkräfte: 8 Plätze.

>Köche: 8 Plätze.

>Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik: 6 Plätze.

>Hotelfachkräfte: 5 Plätze.

>Elektroniker Energie- und Gebäudetechnik: 5 Plätze.

Standpunkt

Der Trend hat sich umgekehrt

Die Betriebe können sich nicht mehr aus einer Vielzahl von Lehrstellenbewerbern die Rosinen-Kandidaten herauspicken.  Sie müssen heute um den guten Nachwuchs werben.  Das heißt im Umkehrschluss aber noch längst nicht, dass für die Jugendlichen automatisch alles in Butter ist. Die Zahl der Jugendlichen ohne Berufsabschluss mit Hartz-IV-Perspektive ist immer noch erschreckend hoch.  Ohne Berufsabschluss hat man kaum Chancen auf dem hochtechnisierten Arbeitsmarkt, der kaum noch einfache Anlern- und Helfertätigkeiten bietet.

Damit sich an dieser Situation etwas ändert, müssen sich beide Seiten aufeinanderzubewegen. Die Firmen  müssen auch vermeintlich schwächeren Kandidaten eine Chance geben, und die Jugendlichen müssen schulische Defizite durch Einsatzwillen, Engagement und Flexibilität wettmachen. Und sie sollten sich nicht so sehr auf die Modeberufe festlegen. Dort ist die Konkurrenz  groß.  Abseits der ausgetretenen Pfade gibt es jede Menge interessante Berufe, die oft bessere Karriere- und Verdienstchancen  bieten. Und wechseln kann man im Berufsleben später immer noch.

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