zur Navigation springen

Wasbek/Philippinen : 157 Patienten hilft er an einem Tag

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Zwischen Amöbenruhr und Zirrhose: Der Wasbeker Arzt Dr. Gerd Bunzel ist derzeit im medizinischen Einsatz auf den Philippinen.

Maricel Mercado ist knapp 40 Jahre alt. Sie hat eine Gürtelrose im Augennervenbereich. Dr. Gerd Bunzel aus Wasbek wird sie behandeln. „Zu Hause käme sie sofort in eine Uni-Klinik auf die Intensivstation“, sagt er entsetzt. Hier muss er improvisieren. Er kommt ins Schwitzen. Nicht nur der 30 Grad Wärme wegen. Denn Gerd Bunzel ist nicht zu Hause. Für sechs Wochen ist er mit der Hilfsorganisation German doctors auf den Philippinen, auf der Insel Mindanao, unterwegs (der Courier berichtete).

Bunzel wird nicht bezahlt. Selbst einen Teil des weiten Fluges zahlt er selbst. „Ich will ein wenig von dem zurückgeben, was mir Gutes widerfahren ist im Leben“, sagt er. Jetzt, da der 67-Jährige seine hausärztliche Praxis aufgegeben hat, gibt es dafür die nötige Zeit. Und auch das Reisen in ein fernes Land hat ihn gereizt.

Für die Philippinen entschieden hat er sich bereits vor Monaten. Ohne Vorbereitung funktioniert ein solcher Einsatz für die Ärmsten der Armen auf dieser Welt nicht. Krankheiten wie Tuberkulose, Hautentzündungen und Krätze gibt es in Deutschland kaum. Zudem sind auch die Behandlungsmöglichkeiten im Vergleich zu Deutschland sehr begrenzt.

Der 15 Jahre alte Kuslan Cocon sitzt in dem kleinen Behandlungszimmer der German doctors und sieht den deutschen Arzt erwartungsvoll an. Der Junge hat den Tuberkulose-Test hinter sich und wartet auf das Ergebnis. Zum Glück hat der Tb-Verdacht sich nicht bestätigt. Aber sie haben im Labor Eiter entdeckt. Der Junge bekommt ein Antibiotikum. Schlägt das nicht an, wird wohl noch einmal ein Tb-Test nötig werden. Sicherheitshalber. Die Philippinen gehören zu jenen zehn Ländern dieser Erde mit den häufigsten Tuberkulose-Erkrankungen. Gerd Bunzel weiß das. Und
doch ist es noch einmal anders, Menschen vor sich zu haben, denen die sprichwörtlichen Motten die Lunge zerfressen. Dieses „Du hast die Motten“ als umgangssprachliche Umschreibung für die Tuberkulose gab es in Deutschland Mitte des vergangenen Jahrhunderts.

Roel Ebreo ist 48 Jahre alt. Vor einem Monat hatte er mit dem Jeepney, einer Art offenen Bus, einen Unfall. Ein riesiges Hämatom wuchs ihm am Hinterkopf. Jetzt wird es kleiner. Und dennoch
hat der Mann Angst. „Kann daraus Krebs entstehen?“, fragt der Kranke. Gerd Bunzel lacht nicht darüber, das verbietet sich. Dennoch sieht er seine philippinische Krankenschwester Emeliza Agravante irritiert an. „Ja, wir haben hier viel Aberglauben", erklärt die 34 Jahre alte Frau. Der gehört genauso zu dem Land wie der Katholizismus.

Emeliza Agravante hilft Gerd Bunzel nicht nur mit dem Wissen um die typischen Erkrankungen in ihrer Heimat. Und sie ist auch nicht einfach die Übersetzerin für das hier gesprochene Visayan ins Englische. Die Schwester ist vor allem eine Interpretin. Sie erklärt, warum jemand nicht das Hemd ausziehen will, damit der Arzt den Patienten abhören kann. „Die meisten schämen sich“, weiß sie. Und sie beschreibt auch, wieso viele Kranke nach Vitaminpillen fragen – trotz eigener saftiger Früchte wie Mango und Papaya und Ananas. Das habe mit überbordender Reklame für die Vitaminpillen auf der einen Seite und mit fehlender Bildung auf der anderen Seite zu tun. Die Krankenschwester erzählt solche Dinge sehr leise und beinahe ohne Betonung. Sie weiß ein wenig, wie die Deutschen ticken. Aber vor allem weiß sie um ihre eigenen Leute. Die nämlich hierher, zu den German doctors, kommen, sind besonders arm. Beispielsweise Miguela Gabutan. 52 ist sie. Ihr Bluthochdruck muss behandelt werden. Aber sie ist schon zweimal nicht zum Termin erschienen. „Ich musste Verwandte pflegen“, erklärt sie. Soll Gerd Bunzel jetzt darüber richten, ob sie die Wahrheit spricht oder ob sie einfach zu verschämt war, erneut nach
Blutdruckmitteln zu fragen? Oder dass sie sich vielleicht schämt, weil sie wieder keinen Sport gemacht hat, wie die German doctors ihr vorgeschlagen hatten? „Das steht mir nicht zu“, sagt Gerd Bunzel ganz in Ruhe. Er will helfen, wo es möglich ist.

Am Ende seines ersten Arbeitstages auf den Philippinen hat er 157 Patienten behandelt. Er ist müde. Auch, weil ihm Schwerstkranke wie die dreijährige Marialyn begegnet sind. Das Kind hat eine löchrige Herzwand. Es wird die Pubertät nicht erleben. Da hilft dem deutschen Arzt all seine Erfahrungsmedizin nichts. Dennoch steht für Gerd Bunzel nicht die Frage nach dem Sinn seines Tuns in dem südostasiatischen Land. Ein Epileptiker bekam die notwendigen Pillen, dank derer er anfallsfrei ist. Ein Kind bekam ein Entwurmungsmittel. Ein Kind wird wegen Amöbenruhr behandelt. Eine Frau wird bald nicht mehr unter hohem Blutdruck leiden müssen und ein Mann nicht länger an seiner Krätze. Und einem Mann mit viel Wasser im Bauchraum hat er gesagt,dass er keinen Alkohol mehr trinken darf. Emeliza Agravante hat das ungewohnt deutlich übersetzt.

Zum Ende der Woche wird Dr. Gerd Bunzel seinen Rucksack packen und in einem Krankenhaus der German doctors 200 Kilometer von Cagayan de Oro entfernt helfen. Später reist er mit einem Jeep der German doctors und einem einheimischen Team als rollende medizinische Ambulanz sogar noch in Gebiete der Insel, zu denen es noch nicht einmal normale Straßen gibt. Stattdessen viel Armut und Krankheiten des Mangels. „Ich habe großen Respekt davor, was mich dort erwartet“, sagt er. Er wird mit einem guten Gefühl aus Cagayan de Oro abreisen. Weil beispielsweise Maricel Ebreo dank der Behandlung eine kleine Chance hat, dass sie nicht wegen ihrer Gürtelrose im Augennervenbereich erblindet. Ohne die German doctors wäre das auf jeden Fall passiert.              

                                                                   Esther Goldberg
 

zur Startseite

von
erstellt am 06.Feb.2014 | 06:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen