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„Marsch des Lebens“ : 150 Menschen liefen die Todesstrecke

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der „Marsch des Lebens“ führte auch durch Neumünster und das Umland. Gedacht wurde den KZ-Opfern, die 1945 auf Todesmärschen umkamen.

Neumünster | Es war die erste Veranstaltung dieser Art in Neumünster – und die Resonanz war groß: Unter der Beteiligung von etwa 150 Menschen fand gestern der „Marsch des Lebens“ statt. Die Bewegung existiert seit 2007 europaweit und will als Gedenk- und Versöhnungsmarsch ein lebendiges Denkmal für die Menschen sein, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs von der Schutzstaffel (SS) der Nazis auf sogenannte Todesmärsche geschickt wurden. Der „Marsch des Lebens“ geht dabei die Leidensroute von Hamburg nach Kiel noch einmal ab. „Wir wollen den Opfern die Ehre erweisen. Auf diese Weise ist meines Wissens dieser Weg noch nicht gewürdigt worden“, erklärte Michael Dierks, einer der Organisatoren.

Damals hatte die SS etwa 800 Menschen aus dem Konzentrationslager und Polizeigefängnis in Hamburg-Fuhlsbüttel – dort, wo heute die Strafvollzugsanstalt ist – auf die 86 Kilometer lange Strecke nach Kiel-Hassee getrieben. Gestern vor genau 70 Jahren passierten Kolonnen von mehreren Hundert entkräfteten und kranken Menschen Neumünster. Ziel war das Arbeitserziehungslager Nordmark.

Fünf Tage dauerte der qualvolle Marsch. Viele Menschen brachen entkräftet zusammen und wurden erschossen. Eine Überlebende war Hilde Zander, die 18 Jahre alt war, als sie zum Todesmarsch gezwungen wurde. Sie hat ihre Erlebnisse in dem Buch „Zwischen Tag und Dunkel. Mädchenjahre im Ghetto“ beschrieben. Die Tochter der Zeitzeugin heißt Ruth Sherman, sie hat sich aus Israel nach Deutschland aufgemacht, um gestern denselben Gang zu machen wie ihre Mutter vor 70 Jahren. Sie sagte auf deutsch: „Es ist beklemmend, den Weg zu gehen. Als hätte ich einen Knoten in meiner Brust. Aber zugleich fühlt es sich sehr gut an, hier so viel Liebe zu begegnen. Ich möchte nicht, dass vergessen wird, was passiert ist. Und ich wünsche mir, dass es nie wieder passiert.“

Eine besondere Begegnung hatte Ruth Sherman mit Klaus Tessmann (37). Er ist der Enkel des letzten Lagerkommandanten vom KoLaFu, wie das Konzentrationslager Fuhlsbüttel früher genannt wurde. Der Enkel von Willi Tessmann trug eine Fahnenstange mit einer deutschen und einer israelischen Flagge. Klaus Tessmann strahlte: „Mit Ruth hat am ersten Abend eine Versöhnung stattgefunden. Wir haben uns umarmt. Ich bin getragen von Freude, dass das hier stattfindet.“

Gestern starteten etwa 70 Menschen um 9 Uhr in Dorotheental bei Großenaspe, liefen entlang der Hamburger Chaussee/Altonaer Straße und erreichten gegen 12.30 Uhr das Rathaus in Neumünster. Der stellvertretende Stadtpräsident Bernd Delfs begrüßte rund 150 Interessierte. Applaus gab es für seine Worte, dass „die Verfolgten des Naziregimes keine Fremden waren, sondern Menschen aus unserer Nachbarschaft.“ Delfs würdigte den Marsch: „Das, was Sie machen, ist wichtig.“ Gestern endete der Weg in Mühbrook; heute beginnt der Marsch dort um 9 Uhr und endet nach 15 Kilometern in Molfsee.

Jeder der fünf Tage endet mit einer Gedenkveranstaltung. Am Donnerstag fanden sich 75 Menschen im Christus-Centrum in der Peterstraße ein, wo Ruth Sherman und ihre Nichte sich den Fragen der Gäste stellten. Ein Besucher stellte fest: „Das Thema ist hochaktuell. Durch die Anwesenheit dieser Frauen bekommt Geschichte ein Gesicht.“

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