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Tschernobyl-Kinder : 100 Helfer umsorgen die Kinder

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Krebskranke Kinder aus der Ukraine erholen sich gut / Unterricht und Sport stärken den Körper und das Selbstbewusstsein

shz.de von
erstellt am 11.Aug.2017 | 08:30 Uhr

Neumünster | „Im Radio ist ein Schaf, das macht Mäh, und ein Küken, das macht Pieps!“ Alle Kinder machen „Mäh“, piepsen, tanzen, werden zu Küken, Schafen, muhenden Kühen und brummenden Treckern – ein Riesenspaß. Das lustige Lied ist der Renner bei den krebskranken Kindern aus der Ukraine im Deutschunterricht, den sie täglich erhalten – auch das gehört zur vierwöchigen Reha-Kur.

Neben den spielerischen Deutsch-Lektionen stehen außerdem täglich Religionsunterricht und Sport auf dem Stundenplan. „Wir geben den Kindern Futter für Körper, Seele und Geist. Eine fremde Sprache zu lernen, macht sie selbstbewusst, sie trauen sich wieder etwas zu, kommen aus ihrer Isolation heraus. Denn die meisten Kinder waren monatelang in Kliniken, haben dort gar keinen Unterricht bekommen, oder danach zu Hause mit Glück Einzelunterricht“, sagt Eberhardine Seelig von der Teestube David, die die Reha-Kur organisiert. Auch die Religionslektionen tun gut: „Hier können sie über ihre Ängste sprechen. Wir bringen ihnen Gott als Gegenüber nahe, dem man seine Sorgen und Nöte offenbaren kann. Denn die Kinder haben andere Kinder sterben sehen, sie wissen, dass der Krebs zurückkommen kann.“

Auf Dosen-Stelzen laufen, große Bälle in die Luft stemmen: Beim Sport geht es nicht um Riesenleistungen, sondern um eine allmähliche Verbesserung von Gleichgewicht, Koordination und Motorik. Auch da haben die kleinen Patienten Nachholbedarf, denn der Krebs, das monatelange Im-Bett-Liegen und zu wenig Bewegung zu Hause haben die Muskeln geschwächt. Die Kinder haben sichtlich ihren Spaß und recken auf die Frage, ob es zu anstrengend ist, den Daumen hoch.

Nach dem Unterricht gibt’s Mittag – Klöße, Reis und Paprikasoße. Leicht und bekömmlich soll das Essen sein. Täglich machen die Kinder auch Mittagsschlaf: „Nach dem Sport und dem Unterricht sind die Kinder erschöpft. Der Wechsel zwischen Bewegungs- und Ruhephasen ist nötig für die Regenerierung“, sagt Eberhardine Seelig.

Hinter den Kulissen sorgt ein etwa 100-köpfiges Helfer-Team dafür, dass die Kinder verwöhnt werden und alles klappt. Putzen, Wäsche verteilen, Betten beziehen, Kuchen backen und Marmelade kochen, Essen servieren, Fahrdienste zu den Zahnärzten oder zu Ausflügen, Sticken und Basteln – alle Helferdienste stehen auf einem großen Plan.

Wichtig ist die Hygiene: Täglich kommen 50 Handtücher in die Wäsche. „Nach dem Duschen dürfen die nassen Tücher nicht in die Schlafzimmer, es könnten sich Keime entwickeln“, sagt Seelig. Auch die restliche Wäsche wird von sechs Familien wechselweise erledigt. Oder es gibt Fahrer, die die Hauptmahlzeiten von der Rathaus-Kantine bringen – an diesem Tag ist es Gundolf Thies von der Nord-Albingia-Loge, der sich die Aufgabe mit zwei Logenbrüdern teilt und das schon seit Jahren macht: „Das ist für mich praktischer Dienst am Nächsten“, sagt der 74-Jährige.

Am heutigen Freitag geht es zum Augustenhof bei Großenaspe. Dort bereiten Landwirt Hans Christian Braasch und seine Frau Wiebke Wolf als Gemeinschaftsaktion des Rotary-Clubs Neumünster-Vicelin mit Inner Wheel den Kindern einen schönen Tag mit Ponyreiten, Ausfahrten auf Motorrad oder im Cabrio, Tiere streicheln und Spielen.

Eines freut Eberhardine Seelig besonders: „Kein Kind hat bisher eine Infektion bekommen. Bisher bekam immer mal ein Kind Fieber oder Halsschmerzen. Aber alle sind munter und quicklebendig, das ist richtig toll.“

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