Barrierefrei in Glückstadt : Wenn der Bordstein zum Problem wird

Barrierearmer Marktplatz in Wismar: Die vor einigen Jahren  ins Kopfsteinpflaster eingefügten Wege ermöglichen auch Menschen mit Rollstühlen oder Rollatoren den Besuch des Wochenmarktes. Der denkmalgeschützte Charakter des historischen Marktplatzes der Hansestadt blieb erhalten.
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Barrierearmer Marktplatz in Wismar: Die vor einigen Jahren ins Kopfsteinpflaster eingefügten Wege ermöglichen auch Menschen mit Rollstühlen oder Rollatoren den Besuch des Wochenmarktes. Der denkmalgeschützte Charakter des historischen Marktplatzes der Hansestadt blieb erhalten.

Hindernisse in Glückstadt: Die Stadt lädt am Sonnabend, 9. Mai, ab 10.30 Uhr am Hafenkopf ein.

shz.de von
05. Mai 2015, 13:27 Uhr

Glückstadt | Glückstadt Viel ist in den vergangenen Wochen und Monaten über das Thema Barrierefreiheit in der Elbestadt gesprochen und geschrieben worden. Und doch ist es für einen in seiner Bewegung nicht eingeschränkten Menschen schwer nachvollziehbar, worum es bei dem Thema eigentlich geht: Um Selbstbestimmung und Teilhabe am öffentlichen Leben. Wer einen Eindruck davon bekommen möchte, was Barrieren im öffentlichen Raum tatsächlich für die Menschen bedeuten, die durch sie eingeschränkt werden, sollte einen Spaziergang machen – zum Beispiel mit dem Ehepaar Jaworski.

Seit rund zehn Jahren ist Hans-Jürgen Jaworski auf einen Rollstuhl angewiesen. Eigentlich ist der 72-jährige Glückstädter ohne fremde Hilfe mobil. Er verfügt über einen  Rollstuhl mit einem elektrischen Antrieb, den er selbst steuern kann. Was für viele andere Menschen absolut selbstverständlich ist, ist für ihn trotzdem nicht möglich: Kurz mal in die Stadt, um ein Stück Kuchen zu essen, eine Zeitung zu kaufen oder eine Veranstaltung zu besuchen – immer ist der Rentner auf fremde Hilfe angewiesen. „Ich würde gerne mal alleine unterwegs sein, aber das ist nicht möglich“, sagt Hans-Jürgen Jaworski. Zu viele unüberwindbare Klippen wie Bordsteine oder Vertiefungen für Regenwasser gibt es zwischen seinem Wohnort im Stadtteil Butendiek und der Innenstadt.

Immerhin: Mit Ehefrau Christel ist der 72-Jährige  fast jeden Tag in der Stadt unterwegs. Doch auch zu zweit müssen die beiden ihre Route genau planen und oft weite Umwege in Kauf nehmen. Denn die zierliche Frau kann den durch die Batterien schweren Rollstuhl nicht über hohe Bordsteine oder durch Vertiefungen wuchten. Viele Geschäfte in der Innenstadt – so unter anderem auch die Geschäftsstelle der Glückstädter Fortuna am Fleth – können die Jaworskis nicht gemeinsam betreten. Die Stufen an den Türen sind schlicht zu hoch. Auch den Wochenmarkt muss Christel Jaworski allein besuchen: Auf dem Kopfsteinpflaster würden die relativ schmalen Räder des Rollstuhles schnell stecken bleiben. Eventuell würde Hans-Jürgen Jaworski stürzen. „Ich habe immer Angst, dass mein Mann stürzt, wenn der Untergrund uneben ist“, sagt Gisela Jaworski. „Deshalb vermeiden wir viele Bereiche in der Stadt, wenn wir gemeinsam unterwegs sind.“ Sie beiden hätten viel Spaß an den gemeinsamen Spaziergängen, aber es sei für sie auch sehr anstrengend, sagt die 67-Jährige – trotz des Elektromotors, den der hilft nur auf ebenem Untergrund.

In der letzten Zeit sei es aber zu spürbaren baulichen Verbesserungen gekommen, findet Hans-Jürgen Jaworski. Die Einmündung der Großen Danneddelstraße  Richtung Marktplatz beispielsweise sei nach der letzten Überarbeitung sehr gut geworden. Vorher war sie eine große Klippe. Und auch die Bordsteinabsenkungen in der Königstraße würden helfen. Trotzdem sei es immer noch sehr schwierig, sich mit dem Rollstuhl in der Stadt zu bewegen.

Die Stadt plant weitere Verbesserungen. Nicht barrierefrei, aber doch ärmer an  Barrieren soll Glückstadt werden, so das Ziel. Der Umbau des Rathauses in dieser Richtung ist bereits weitgehend geplant –  im Herbst sollen die Arbeiten beginnen.

Am kommenden Sonnabend, 9. Mai,  möchte Bürgermeister Gerhard Blasberg öffentlich mit Bürgerinnen und Bürgern weitere Maßnahme diskutieren. Am bundesweit stattfindenden „Tag der Städtebauförderung“ haben Interessierte die Möglichkeit, Glückstadt aus einer anderen Perspektive zu erleben. Ausgerüstet mit Rollatoren, Rollstühlen, Blindenstöcken und speziell präparierten Brillen gilt es, ganz alltägliche Aufgaben wie beispielsweise den Arztbesuch oder die Bedienung eines Geldautomaten zu bewältigen – und das unter Zeitdruck, denn die Abfahrtszeiten des Stadtbusses mahnen zur Eile. Geklärt werden soll die Frage, welche Barrieren in Glückstadt  dringend beseitigt werden müssen. 

Denkbar ist vieles: So hat die Hansestadt Wismar bereits vor einigen Jahren ihren ähnlich wie in Glückstadt mit Kopfsteinpflaster gestalteten historischen Marktplatz mit Wegen für Menschen, die auf Gehhilfen oder Rollstühle angewiesen sind, zugänglich gemacht. Wenn in der Hafenstadt an der Ostsee der Wochenmarkt stattfindet, bauen die Händler ihre Stände entlang der Wege auf, um allen Kunden den Zugang zu ermöglichen.  Den Status der Altstadt Wismars als Unesco-Weltkulturerbe haben die baulichen Veränderungen am historischen Pflaster übrigens nicht gefährdet, erklärt Sprecherin Juliane Bruns.

Treffpunkt für die Rundgänge am 9. Mai ist der Hafenkopf. Die Veranstaltung geht von 10.30 Uhr bis 13 Uhr.

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