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Glückstädter Fortuna

16. Dezember 2017 | 12:47 Uhr

Glückstadt : Diskussionen um Containerdorf

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Erste Asylbewerber sind in die provisorischen Unterkünfte im Gewerbegebiet-Süd gezogen. Die Stadt zahlt in den kommenden zehn Jahren dafür 2,2 Millionen Euro.

shz.de von
erstellt am 22.Apr.2016 | 12:03 Uhr

Abbas Torfi ist überrascht von dem Besuch. Doch höflich bittet er in den Container und entschuldigt sich für die Unordnung, die aber minimal ist. Gemeinsam mit seinem Bruder ist er auf 18 Quadratmeter Fläche untergebracht. Die Betten sind doppelstöckig, es gibt kaum Platz zum Sitzen. Die Küche ist mit einer Herdplatte überschaubar. Trotzdem sind die Brüder froh, selbst kochen zu können. „Das Essen im Camp war furchtbar“, sagt Abbas Torfi.

Der 30-Jährige ist einer von 16 meist jungen Männern, die in dem neuen Containerdorf im Gewerbgebiet-Süd zurzeit wohnen. Er wolle sich nicht beschweren, sagt der Iraker. Da er der einzige ist, der gut Englisch spricht, spricht er gegenüber unserer Zeitung auch für die anderen. Sie sagen, zu zweit sei es zu eng in den Containern, auch sei zu hören, wenn im Nachbar-Container gesprochen werde. Unschön sei für sie auch, dass es am Abend draußen keinerlei Beleuchtung gibt. „Es ist zu dunkel“, sagt Torfi, der in seiner Heimat als Elektroinstallateur arbeitete.

Was allen zu schaffen macht: Sie haben keine Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten. „Fußball spielen und Fitness – alles kostet Geld.“ Nur drei Puzzle stehen ihnen zur Verfügung. Immer nur schlafen, essen, schlafen, essen – das zermürbe. „Ich würde gerne arbeiten, aber das geht erst, wenn ich deutsch kann.“ Darauf, dass sein Deutschkursus beginnt, wartet er noch.

2,2 Millionen Euro zahlt die Stadt zehn Jahre lang für die Unterkünfte in den Containern an einen Unternehmer. Er hat sie im Auftrag der Stadt aufgestellt und das Gelände hergerichtet. Seitdem die Anlage sichtbar wächst, sind einige Stadtvertreter nicht mehr sicher, ob es die richtige Entscheidung war. Einige waren bislang davon ausgegangen, dass die Asylbewerber vorzugsweise in Wohnungen unterzubringen sind. So auch Siegfried Hansen, Sprecher der Piratenpartei.

Doch, so hatte Angelika Tesch von der Stadtverwaltung jetzt in zwei Ausschüssen betont: Es sei die Entscheidung der Politik gewesen, die Flüchtlinge dort im Gewerbegebiet unterzubringen. „Die Verwaltung ist angewiesen, dementsprechend zu verfahren.“

Im Sozialausschuss äußerte Hansen seine Bedenken, weil er jetzt weiß: Es gibt keine Zeitbegrenzung für die Dauer der Unterbringung in den Containern. Hansen fürchtet, dass damit die Integration der Menschen schwieriger wird. Auch Nicole Evers (SPD) hat diesbezüglich Bedenken. Für Christine von Bargen (Grüne) war angesichts der hohen Miete klar, dass die Stadt auch bei Leerstand zahlen muss: „Es wäre unlogisch, die Container leer stehen zu lassen und anderen Wohnraum anzumieten.“

Im darauf folgenden Hauptausschuss war dieser Punkt erneut Diskussionsgegenstand. Hier forderte Hansen vehementer, dass die Flüchtlinge nur übergangsweise in den Containern untergebracht werden sollten. „Wir müssen erkennen, dass wir einen Fehler gemacht haben.“ Auch Krafft-Erik Rohleder (CDU) erklärte, dass er persönlich die Situation nicht gut findet. Aber angesichts der Mieten, die die Stadt zahlt: „Uns bleibt nichts anderes übrig, als die Container voll zu machen.“

Abgebrochen wurde die Diskussion von Stephan Venner, Fachbereichsleiter im Rathaus. Er verwies darauf, dass das Thema nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit weiter besprochen werden könnte.

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