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Grundschule am Deich Lesehund Sam macht das Lesen für Grundschüler in Herzhorn leichter

Von Grischa Malchow | 06.10.2022, 18:21 Uhr

In der Grundschule am Deich in Herzhorn unterstützen Klaus Hacker und sein Therapiehund Sam Kinder mit Leseschwäche. Das Lob ist groß, die Effekte schnell sichtbar.

„Erd-beer, Erdbeerma, Erdbeermatsche-lade. Erdbeermatschelade.“ Die Silben wollen nicht immer so flüssig über die Lippen kommen. Die Viertklässlerin Sophia* hat Probleme beim Lesen. Doch mittlerweile übt sie eifrig und hat daran sogar Spaß. Das ist besonders Sam zu verdanken. Sam ist ausgebildeter Lesehund und unterstützt mit Herrchen Klaus Hacker an der Grundschule am Deich in Herzhorn Schüler, die Schwierigkeiten beim Lesen haben.

In der rechten Hand hält Sophia das Buch, mit der linken krault sie den dreijährigen Rüden am Kopf. Lesen habe früher nicht so viel Spaß gemacht, weil sie nicht so gut sei, sagt die Neunjährige. Das ist nun anders:

„Es ist leichter, wenn der Hund dabei ist. Ich freue mich auf die Lesestunden.“
Sophia* (9)

Im Buch mit dem Titel Erdbeermarmelade liest sie langsam und nicht immer fehlerfrei. Aber Klaus Hacker lobt sie: „Am Anfang war es holprig und jetzt liest du immer besser.“

Der Lesehund übt sich in Geduld – und wird verwöhnt

Der 63-Jährige war zuvor mit Golden Retriever Sam in der vierten Klassen und hat Sophia zum Lesen abgeholt. Die drei haben sich in einen Extra-Raum zurückgezogen. Auf einem Sitzsack haben Hacker und die Schülerin es sich bequem gemacht und schauen gemeinsam in das Buch. Sam liegt mit seinem roten „Lesehund“-Halstuch zu ihren Füßen und übt sich in Geduld – und wird auch ein wenig verwöhnt. Denn Sophia lässt beim Lesen nicht von ihm ab und streichelt ihn durchgehend.

Klaus Hacker unterstützt derweil beim Lesen. Er führt mit dem Finger die Zeilen entlang, hilft bei der Aussprache einzelner Wörter und spricht mit der Neunjährigen – über die Bilder im Buch und auch immer wieder gibt es während der 20-minütigen Einheit ein bisschen Smalltalk zur Auflockerung.

Spaß, Verbesserung, Selbstvertrauen

Der 63-jährige Ruheständler aus der Engelbrechtschen Wildnis kommt ehrenamtlich in die Grundschule nach Herzhorn. Sam bildete er zum Therapiehund aus und ist mit dem dreijährigen Rüden nun für den Verein „Lesehund im Norden“ im Einsatz. Das Ziel ist immer gleich: Die Schüler über Spaß zum Lesen zu bringen, darin zu verbessern und ihnen neues Selbstvertrauen zu geben. Dabei hat er es mit Kindern mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen zu tun.

Jonas* etwa hat ein Aufmerksamkeitsdefizit und überholt sich selbst immer wieder beim Lesen. Wird er zu schnell oder fehlt der richtige Fokus, dann holt ihn Hacker zurück. „Schau mal, was Sam gerade macht“, sagt er und deutet auf den Golden Retriever. Jonas darf ihm einen Leckerli geben. Anschließend liest er wieder fokussierter. „So macht das Lesen mehr Spaß“, sagt der Viertklässler.

Schüler überwindet seine Hundeangst

„Hallo Sammy“, ist immer wieder zu hören, wenn Hacker durch die Flure des Neubaus der Grundschule am Deich geht. Die Schüler lieben den Hund, streicheln ihn im Vorbeigehen. Holt Hacker ein Kind aus dem Klassenraum ab, dürfen die Mitschüler Sam oft Streicheleinheiten geben. „Es ist ein Klassen- und Lesehund“, sagt Hacker.

Doch es gibt auch Ausnahmen. Lucas* hatte zu Beginn Angst vor dem sanftmütigen Golden Retriever. Das ist nun nicht mehr so. „Ich lese gerne mit Sammy. Sammy ist lieb“, sagt der Zweitklässler. Um seinem Lesepartner ein Leckerli zu geben, ist es noch zu früh. Klaus Hacker sieht dennoch große Fortschritte und lobt den Jungen, während er einen Pfötchen-Stempel in dem Lesepass hinterlässt. Dieser zeigt die Lesestufe jedes Kindes. Gelesen wird aus speziellen Büchern für jede Lesestufe. „Sie sind didaktisch gut aufgebaut“, so Klaus Hacker.

Auch Klassenlehrerin Maren Haferlach-Hehnke sieht die Vorteile des Lesehundes:

„Das ist ein toller methodischer Ansatz. Die Kinder öffnen sich.“
Maren Haferlach-Hehnke
Klassenlehrerin

Die Fortschritte seien schon nach wenigen Wochen sichtbar, sagt Schulleiterin Carola Frank-Heyse. Wenn jedoch nur zwei von 26 Kindern in der Klasse mit Lesehund Sam arbeiten dürfen, gibt es auch mal lange Gesichter. „Viele Kinder sind traurig, dass sie nicht mit Sam lesen dürfen“, so Frank-Heyse.

Gedanken über einen zweiten Lesehund

Bisher ist kein Ende für das Projekt festgelegt, sagt Frank-Heyse, die es gerne fortführen würde. So sieht es auch Klaus Hacker. Und: „Ich mache mir Gedanken über einen zweiten Lesehund. Der Bedarf ist da.“ Damit solche Worte wie „Erdbeermatschelade“ bei den Schülern flüssig über die Lippen kommen. So steht es tatsächlich in der von Sophia gelesenen Geschichte, in der ein Korb mit Erdbeeren überfahren wurde. Erdbeermatschelade statt -marmelade eben.

* = Name geändert

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