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Jugendherberge Kappeln Die Klassenfahrten fehlen

Von dod | 30.08.2020, 16:04 Uhr

Seit Ende Mai ist die Kappelner Jugendherberge wieder geöffnet, aber viele Gäste sind noch unsicher.

Als der Betrieb in der Jugendherberge am Freitag vor Pfingsten mit vielen Auflagen wieder aufgenommen werden konnte, herrschte viel Vorfreude, aber noch mehr Aufregung im Team um Herbergsmutter Anika Sander.

„Es kam uns vor wie im Schilderwald.“
Anika Sander, Jugendherberge Kappeln

Höchstens 60 Gäste, statt der sonst durchschnittlich 160, durften kommen, die Gemeinschaftsbäder wurden einzelnen Zimmern zugeordnet, viele andere Zimmer blieben gesperrt. Es wurden Regeln geschrieben und die Blätter laminiert, an vielen Wänden und Türen sind genaue Anweisungen zu finden. „Es kam uns vor wie im Schilderwald“, erinnert Anika Sander sich. Besonders aufwendig war der Tischservice: Schon vorher wurde bei den Gästen abgefragt, was auf dem Frühstücksteller sein sollte – damit es einerseits abwechslungsreich blieb und andererseits verhindert werden konnte, dass zu viele Lebensmittel im Müll landeten. Inzwischen sind seit Ende Juni Buffets wieder erlaubt, wenn auch streng reglementiert. Ohne Nase-Mundschutz und Einbahnstraße geht es nicht. Immer noch hat jede Familie dauerhaft ihren festen Tisch, es wird oft und viel gereinigt sowie desinfiziert. „Normalerweise hätten wir mehr Personal benötigt, aber es musste ja auch alles wirtschaftlich bleiben, und wir haben es auch so geschafft“, sagt Anika Sander. Aus den Jugendherbergen in Schleswig und Borgwedel, die in dieser Saison geschlossen bleiben, hat sie drei Mitarbeiterinnen „ausgeliehen“ und berichtet: „Das harmonisiert super, sie haben unser Team sehr bereichert.“

Rote und grüne Klammern

Auch die Freigabe der Gemeinschaftsbäder erforderte Kreativität: Vor den Türen steht jeweils eine Schale mit Desinfektionsflüssigkeit und zwei Klammern: „Wenn die rote Klammer weg ist, heißt es, dass eine der zwei Duschkabinen besetzt ist – die Toilette kann aber benutzt werden und andersherum. So begegnet sich niemand“, erklärt die Herbergsmutter das ausgeklügelte System.

„Die Menschen sind unsicher, das spürt man. Der Juni ging, der Juli war grandios und die ersten Augustwochen waren auch ok.“
Anika Sander, Herbergsmutter

Ein Hygienekonzept, das funktioniert. Auf diese Weise konnte Anika Sander ein bisschen wieder aufholen. „Die Menschen sind unsicher, das spürt man. Der Juni ging, der Juli war grandios und die ersten Augustwochen waren auch ok. Aber seit dieser Woche ist es trostlos. Besonders wenn man bedenkt, dass wir sonst bist Anfang Oktober komplett ausgebucht waren“, sagt Anika Sander. 10.000 Übernachtungen strebt sie für dieses Jahr an – bis jetzt sind es 8500.„Das wird ein enges Pflaster“, glaubt sie. Zum Vergleich: Im Vorjahr konnte die Kappelner Jugendherberge 23.500 Übernachtungen verbuchen, Vorbuchungen für 2020 lagen bereits bei 21.000.

Nur ein Drittel der angestrebten Übernachtungen

Insgesamt rechnet Deutsche Jugendherbergs-Landesverband Nordmark mit mit rund 300.000 Übernachtungen, statt wie geplant etwa 1,1 Millionen, teilt DJH-Pressesprecherin Katharina Pauly. Besonders der Rückgang der Klassenfahrten als Kerngeschäft der Häuser sei nahezu für das gesamte Jahr weggebrochen. Anika Sander berichtet von zwei Klassen aus Reinbek, die zu Gast in Kappeln waren. „Es war genial zu sehen, wie das Haus sich wieder mit Kindern gefüllt hat“, sagt sie. Jede Klasse hatte einen eigenen Flur, die Kellerräume mit ihren Freizeitmöglichkeiten war den Kindern allein vorbehalten. „Es hat alles super funktioniert“, sagt die Herbergsmutter und hofft, dass weitere Schulen die Möglichkeit in Anspruch nehmen. Stefan Wehrheim, Geschäftsführer des Landesverbands: „Auf Klassenfahrten findet soziales Leben statt. Wenn es diese Orte nicht mehr gibt, fehlen diese prägenden Momente in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.“

Sonderbelegungen und neue Konzepte

Um die Häuser weiter zu füllen, zeigt sich eine große Bereitschaft für spontane Sonderbelegungen oder andere Konzepte. „Wir bieten unser Know-how und unsere Räumlichkeiten an“, so Wehrheim. Von Montag bis Freitag ist es Anika Sander im Moment auch viel zu ruhig in ihrer Herberge. Sie findet die Idee gut, die Tagesräume zu vermieten – an Unternehmen oder auch an Schulen. „Die sind so voll, warum nicht den Unterricht in die Jugendherberge verlegen und so die Situation in den Schulen entzerren“, schlägt sie vor.