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„Jagd-Bordell“ in Lauenburg : Gatterjagd im Sachsenwald: Rechtsstreit zwischen Bismarck und SH

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Für Gregor Graf von Bismarck hat das Gesetz keine Gültigkeit: Ein Gericht soll klären, ob im Sachsenwald weiter auf eingezäuntes Wild geschossen werden darf.

Friedrichsruh | Die Drückjagd im Sachsenwald (Herzogtum Lauenburg) war über ein Jahrhundert lang ein prestigeträchtiges Großereignis mit Presse, Promis und Pipapo. Zahlreiche königliche Gäste besuchten die Anlage im Lauenburgischen. Sie bekamen, was sie wollten: Abschottung – und Damhirsch, Rothirsch und Wildschwein vors Gewehr. Nun ist zwischen der Adelsfamilie und dem Land Schleswig-Holstein ein juristischer Streit um das dortige Jagdgatter entbrannt.

Der Grund: Seit dem 28. Oktober 2014 ist das Jagen hinter Gittern in Schleswig-Holstein eigentlich verboten. Der Landtag hatte das Ende der Gatter-Jagd bereits 1999 mit dem Landesjagdgesetz beschlossen. Den Eigentümern der Gehege wurde aber eine 15-jährige Übergangsfrist eingeräumt. Tradition und kommerzielle Interessen verlangten Aufschub.

Die Nachfahren Otto von Bismarcks sehen sich jedoch auch 16 Jahre später nicht in der Pflicht, dieses Kapitel der Familientradition zu schließen. Das Jagdgatter im Sachsenwald wird weiter betrieben. Und das soll sich laut Familienoberhaupt Gregor von Bismarck auch nicht ändern.

Nach Angaben des Kieler Umweltministeriums legten die Bismarcks und auch der Betreiber eines weiteren Gatters in Wiedenborstel Widerspruch gegen die Verfügungen der Jagdbehörde ein. Die zwangsweise Auflösung der Gatter sei erst denkbar, wenn die Beseitigungsverfügungen rechtswirksam seien.

Hintergrund: Jagd im Sachsenwald

In Wildgehegen wie im Sachsenwald werden Hirsche und Wildschweine zum Zwecke der Bejagung gehalten. Reichskanzler Otto von Bismarck hatte das Areal im Lauenburgischen zur Reichgründung 1871 von Kaiser Wilhelm I. geschenkt bekommen und dort die letzten Jahre seines Lebens verbracht. 4500 Hektar befinden sich noch in Familienbesitz, davon sind mehrere Hundert Hektar für das Wild eingezäunt. Ferdinand Fürst von Bismarck hatte stets betont, den Wald wirtschaftlich betreiben zu wollen. Neben dem Verkauf der Hölzer (rund 20.000 Festmeter pro Jahr) ist auch die Jagd etwas, das dazu beiträgt. Wer Hirsche schießen will, muss im Vorweg hohe Summen zahlen. Für diese Prämie bekommt der zahlende Kunde in den zahlreich bevölkerten Gehegen quasi eine Erfolgsgarantie.

Gegenüber den „Lübecker Nachrichten“ (Sonntagsausgabe) sprach der Ur-Ur-Enkel des „Eisernen Kanzlers“ von einem „angeblichen Verbot“, das seiner Meinung nach lediglich die Schaffung neuer Anlagen untersage. Zum Ausmaß der nach wie vor betriebenen Jagd machte der Graf keine Angaben, ließ aber keinen Zweifel daran, dass es sie weiter gibt.

„Wir haben uns entschlossen, die Frage, ob wir verpflichtet sind, das Gatter zu schließen, gerichtlich klären zu lassen“, sagte Gregor von Bismarck am Dienstag. „Unsere Familie ist seit circa 140 Jahren Eigentümerin des Wildgatters und betreibt dieses rechtmäßig und erlaubt.“ Nach Ansicht der Anwälte der Familie bestehe keine gesetzliche Grundlage für ein Verbot des Gatters, in dem die Wildtiere eigens für die Jagd gehalten werden.

„Uns ist bewusst und bekannt, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen der Jagd an sich und auch dem Betrieb eines Gatters kritisch gegenüberstehen“, so der Graf. „Auf der anderen Seite gibt es eine große Anzahl von Jägern, die unser Angebot sehr schätzen.“ Zudem werde durch den Betrieb des Gatters die Belieferung „unserer Gastronomie mit Wildfleisch unterstützt“. Darüber hinaus sei bei einem Verbot des Gatters eine erhebliche Anzahl von Arbeitsplätzen gefährdet. „Daher stellt das Verbot nach unserer Auffassung einen rechtswidrigen Eingriff in unserer Eigentümerstellung dar.“

Mit seiner Verneinung des Gesetzes bringt Bismarck nicht nur den Naturschutzbund (Nabu) gegen sich auf: „Das ist ein Jagd-Bordell“, diese Form der Jagd gleiche einer Exekution, schimpfte deren Geschäftsführer Ingo Ludwichowski in den „LN“. Der Landesjagdverband ließ verlauten, dass er auf der Einhaltung der Gesetze und der Abschaffung der Gatter bestehe.

„Wer heute noch Jagdgatter hat, ist im Zeitalter des Feudalismus steckengeblieben“, sagte Umweltminister Robert Habeck (Grüne). „Jagdgatter haben den Zweck, möglichst viele Tiere töten zu können. Mit einer modernen, naturnahen Jagd hat das rein gar nichts zu tun.“ Deshalb gehörten sie aufgelöst: „Das ist seit mehr als 15 Jahren klar und Gesetz.“

Relevante Auszüge aus dem Landesjagdgesetz

§ 29 Zulässige Handlungen, sachliche Verbote und Ausnahmen

Absatz 5: Es ist verboten, Jagdbezirke oder Teile von Jagdbezirken zum Zweck der Jagd oder der Hege einzugattern [...]

§ 39 Überleitungsvorschriften

Absatz 3: Eingatterungen zum Zweck der Jagd oder der Hege, die bei Inkrafttreten dieses Gesetzes genehmigt waren, dürfen für die Dauer ihrer Genehmigung, längstens jedoch bis zum Ablauf des 28. Oktober 2014 bestehen bleiben.

Ausnahmen

Man darf in Schleswig-Holstein die meisten Wildarten in sehr viel kleineren Gattern als jenem im Sachsenwald halten. Dann muss man sie allerdings als landwirtschaftliche Nutztiere deklarieren. Dies könnte für die Wahrung der Gastronomie im Sachsenwald eine Lösung sein. Die Sportjagd bleibt dabei allerdings verboten.

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erstellt am 03.Nov.2015 | 15:39 Uhr

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