Zeitungsgeburtstag : Zwölf Strandkörbe für Tante Maaß

Sonnenbad vor Haus Pniel: Elke-Maria Schmidt-Hanssen mit Autor Rainer Fischer.
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Sonnenbad vor Haus Pniel: Elke-Maria Schmidt-Hanssen mit Autor Rainer Fischer.

Vom Rapsfeld bis zur Schafherde: Für die Sonderausgabe zum 150. Tageblatt-Jubiläum ist eine ungewöhnliche Foto-Serie entstanden

shz.de von
13. Juni 2015, 14:27 Uhr

Zum 150. Zeitungsgeburtstag erscheint am kommenden Montag ein 48-seitiges Geburtstags-Special des Flensburger Tageblatts. Darin finden sich zahlreiche Fotos von Lesern in einem Strandkorb – fotografiert an den ungewöhnlichsten Orten. Eine logistische Herausforderung, der sich unser Mitarbeiter Rainer Fischer gestellt hat. Hier sein Erlebnisbericht:

Schon länger besingt ein Schlagersänger hartnäckig ein angeblich in einem Kornfeld stehendes Bett – also, ich hab so etwas inmitten einer landwirtschaftlichen Produktionsfläche noch nie gesehen. Zu meiner Überraschung fand ich mich vor kurzem jedoch selbst in einer ähnlich denkwürdigen Situation wieder: mit einem XXL-Strandkorb mitten in einem Rapsfeld!

Ein 150-jähriges Zeitungsjubiläum ist eine spannende Sache. Das Flensburger Tageblatt wird jetzt so alt und begeht dieses Ereignis mit einer umfangreichen Sonderbeilage. In einen Teil wollte die Chefredaktion eine durchgehende Fotostrecke mit einem wiederkehrenden Motiv integrieren. Geplant war zunächst das Prinzip des bekannten Roten Sofas. Motiv wurde schließlich aber ein Strandkorb, der ideal ins küstennahe Schleswig-Holstein passt. Angedacht war ein gutes Dutzend Persönlichkeiten, die darin Platz nehmen und ein knackiges Statement abgeben, und das an Orten, an denen ein Strandkorb nie steht.

Doch wer sollte diesen Job übernehmen, der eine komplexe Logistik mit gleich mehreren Komponenten inklusive Wetter bei laufender Tageszeitungsproduktion zu koordinieren hätte? Zumal in kürzester Zeit, wie im Journalismus üblich? „Das trauen wir dir zu“, schmeichelte ein Kollege der Lokalredaktion. „Das ist doch gar nicht zu schaffen“, zweifelte ein anderer. Nun, solch eine organisatorische Herausforderung ist verlockend. Ich beschloss, es „einfach zu machen“.


Telefon-Marathon und Zufallstreffer


In einem ersten Telefon-Marathon wurden fast alle „Models“ erreicht oder per Assistenz oder Management vorbereitet. Dann die Termine – oh Mann, auch noch Pfingsten dazwischen! Und wie einen Landwirt, einen Schäfer samt Herde, einen Sänger von Santiano gewinnen, alle aus der Region? Kannte ich alle nicht. Also nachdenken, Bekannte, Kollegen und sonstige Quellen fragen. Über die Mitarbeiterin eines Sanitärbetriebes in Handewitt wollte ich einen Landwirt erfragen. Der Chef sei nicht da, sagte die Mitarbeiterin. „Kennen Sie einen Landwirt, der bei einem leicht schrägen Fotoshooting mitmacht?“, fragte ich. „Ja, vielleicht mein Bruder, aber der hat keine Zeit.“ Oha, da zupfte der Fisch am Haken, also dran bleiben. „Gibt’s sonst jemanden in der Familie?“ – „Ich frag mal meine Eltern.“

Also abwarten, andere Termine vorantreiben. Der Oberbürgermeister leidet unter einem prallen Terminkalender, die Oberin der Flensburger Diakonissen ist auf längerer Dienstreise. Der Kommandeur der Marineschule sagt zu, ist aber im Lehrgangs-Abschluss-Stress. Der Geschäftsführer der FFG wollte nicht so recht, also die (sehr nette) Assistentin becircen. Für Santiano-Mitglied Axel Stosberg telefonisch von Berlin nach München und wieder zurück nach Berlin reisen. Die Sportpiraten? Keine Chance, die hatten über Pfingsten ihr großes Event „Butcher Jam“.


Döntjes vom Käpt’n und eine Hoheit


Also Wiedervorlage. Leichtes Namenswirrwarr unter den Mitgliedern der „Hölle Nord“, sorry. Der Betriebsratsvorsitzende der Werft im Urlaub, wenn das man klappt. Oliver Berking, dessen Herz trotz edler Yachten am Silber hängt, ist sofort bereit mitzumachen. Die Prinzessin von Schloss Glücksburg? Hoheit (bloß die korrekte Anrede nicht vergessen!) ist fest in der Region verankert. Sofort dabei: Käpt’n Weyhausen, natürlich vor der Alex, in kaum zu bremsender Rhetorik mit Döntjes ohne Ende. Alles Menschen, die hier leben und zur Region gehören wie das Flensburger Tageblatt eben auch.

Und wie war das nun mit dem Rapsfeld-Shooting? Donnerstag früh um 8.30 Uhr sagt die Familie zu. Super! Gleich anrufen, der Raps blüht schließlich nicht ewig… „Geit klor“, sagt Frau Nicolaisen, nachmittags um Drei nach dem Mittagsschläfchen. In aller Eile den Fotografen motiviert, den Fahrer des Gespanns, den Fuhrparkchef sowieso, auch den Foto-Desk. Doch halt, wo ist der Strandkorb? Leicht adrenalisiert den Chef vom Sponsor Danbo Möbler angerufen, zum Glück ist Bernd Genske um 9 Uhr persönlich am Draht: „Der Korb war doch erst für morgen vorgesehen.“ Bitte?? Zusage, Glück gehabt!

Gleich der erste Termin also auf einem Acker. Zu zweit und mit bereifter Stechkarre ging das erstaunlich gut, auf dem Rückweg waren die Stängel allerdings etwas widerborstig. Aber tolle Models, idyllisches Set und sogar etwas Sonne und trocken. Premiere bestanden, so kann es weitergehen. Und so ging es weiter. Das hartnäckige Insistieren um Mitmachen und Termine führte peu à peu zu Zusagen. Bis auf einen Tag spielte auch das Wetter mit. Nach zweieinhalb Wochen war der „Auftrag erledigt“, alles im Kasten, nur noch die Statements redigieren. Positiv verlief die Zusammenarbeit mit den Kollegen, die alle am sprichwörtlichen „Strang“ gezogen haben. Und die Shootings haben allen Beteiligten viel Spaß gemacht, gleich ob vor Panzern, am Schiffstahl oder im alten Schlachthof. Axel Stosberg konnte sogar von der Promotion-Tour für die neue CD von Santiano losgeeist werden – warum er im Oluf-Samson-Gang im Strandkorb saß, wird erst am Montag, 15. Juni, verraten.

Und das beeindruckendste Shooting? Besonders nachhaltig wirkte auf mich der Besuch bei Schäferin Angela Dornis in den Fröruper Bergen: Mitten in ihrer äußerst sensibel reagierenden großen Heidschnucken-Herde stehen zu dürfen und auf ihr „Kommt her, kommt!“ einen mehrhundertfachen Määäh-Chor antworten zu hören, das ist ein Naturerlebnis der Sonderklasse!

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