Premiere der Pilkentafel : Zweites kurzes Leben fürs Hallenbad

Ungewöhnliche Perspektiven eröffnen sich dem Publikum: die Sitze warten schon.
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Ungewöhnliche Perspektiven eröffnen sich dem Publikum: die Sitze warten schon.

Theaterwerkstatt Pilkentafel inszeniert im September den Roman "Wörterbuch" rund um das alte Schwimmerbecken / Publikum auf dem Grund

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11. August 2011, 05:14 Uhr

Flensburg | Ein paar schwarze Stöckelschuhe stehen auf dem Grund des Schwimmerbeckens. Nicht weit entfernt liegen drei typische Schwimmbad-Kleiderbügel mit hängendem Netz. Von der großen Uhr ist nur noch das Ziffernblatt da, die Zeiger fehlen. Kein Kindergeschrei erfüllt den großen Raum, und auch der Chlorgeruch ist weg - kein Wunder, denn das 25 Meter lange Becken ist leer. Flensburgs Hallenbad liegt trocken, doch in drei Wochen erwacht es zu neuem Leben - als Theater. Die Pilkentafel zeigt hier an 15 Abenden ihr neues Stück "Wörterbuch".

Über die alte Edelstahltreppe gelangt man wie früher auch ins Becken, jetzt aber trockenen Fußes. Doch neuerdings kann man weiter gehen bis in die Tiefen des Sprungbeckens, und zwar über eine eigens gezimmerte Holztreppe. Hier unten stehen bunt durcheinander drei Dutzend runde Hocker namens "Marius", denn hier unten wird das Publikum Platz nehmen. Neben dramaturgischen Gründen gibt es auch ganz praktische sicherheitstechnische Aspekte für die Platzierung auf dem Beckenboden: "Wer schon unten sitzt, kann nicht mehr runterfallen", erklärt Theaterchefin Elisabeth Bohde. Die Sicherheit war bei den Planungen ein großes Thema; so muss das Publikum vom Beckenrand fern gehalten werden, weil dieser nach wie vor nicht abgesperrt ist.

Es habe schon früh die Überlegung gegeben, "Wörterbuch" nach dem Roman von Jenny Erpenbeck extern zu produzieren, so Bohde. Man habe verschiedene Spielstätten in Erwägung gezogen und sei dann am Ende beim Hallenbad gelandet. Die Pilkentafel hat viel Erfahrung mit dem Spiel an öffentlichen Orten. Es galt, Text, Ort und Akteure zusammen zu bringen.

Die Akteure sind zwar jung, aber dennoch schon fast alte Hasen, haben sie doch schon früher für die Theaterwerkstatt gespielt. Maren Seidel, Bele Wollesen, Lotta Bohde und Thore Lütje stehen allesamt für die Ich-Erzählerin in "Wörterbuch": ein Mädchen, dessen Eltern in einer lateinamerikanischen Diktatur gefoltert und ermordet wurden, und die daraufhin von den Peinigern ihrer Eltern adoptiert und aufgezogen wird.

"Jenny Erpenbeck gelingt ein sprachlicher Balanceakt, in dem sich Grauen und Schönheit aneinanderschmiegen und in dem selbst das Ungesagte eine Wucht sondergleichen erhält", heißt es auf dem Klappentext des Buches, das für die Inszenierung gekürzt wurde. Wie bei der Pilkentafel üblich, wird der Text dramatisch inszeniert. Torsten Schütte spielt den Vater des Mädchens, die vier jungen Schauspieler stehen für unterschiedliche Aspekte der Persönlichkeit des Mädchens.

Das alte Hallenbad mit seinem Licht, der Kälte seiner Ausstrahlung, aber auch mit seiner räumlichen Struktur und den daraus resultierenden akustischen Möglichkeiten habe sich als passend für dieses Stück erwiesen, sagte Elisabeth Bohde. Selbst die Abflussrinne wird kreativ genutzt, die Umkleidekabinen werden bespielt und der Sprungturm kommt zum Einsatz - keine Angst, niemand springt.

"Wörterbuch": Altes Hallenbad, Bahnhofstraße, Premiere: 1. September, 20 Uhr, danach jeden Donnerstag, Freitag und Sonnabend im September sowie 1. Oktober, 20 Uhr. Karten: Ticketcenter Holmpassage, www.pilkentafel.de.

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