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25 Jahre Mauerfall : Zwei Flensburger, die aus der DDR kamen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wo verbrachten Sie den 9. November 1989? Der Handballer Matthias Hahn und der DDR-Flüchtling Ulf Linstedt erlebten den Mauerfall ganz unterschiedlich.

Bei der Frage, wo er den 9. November 1989 verbracht hat, muss Matthias Hahn (49) nicht lange nachdenken. „Wir spielten mit Empor Rostock im Europacup in Santander“, erinnert sich der Handballer, der in Warnemünde aufgewachsen ist. „Wir verloren und sind ausgeschieden.“ Die Information, dass in Berlin die Mauer offen sei, fraß sich nach dem Spiel zunächst als Gerücht durch zum Bankett – und die Mannschaft, deren Freizeit im Ausland streng organisiert war, habe sich spontan entschlossen, gemeinsam mit den Spaniern in einer Diskothek zu feiern – die Spanier den Sieg, die Deutschen den Mauerfall.

Woanders als in seiner mecklenburgischen Heimat zu spielen, war für Matthias Hahn damals aber noch kein Thema. Anfang 1990 unterschrieb der gelernte Elektromaschinenbauer noch einen neuen Vertrag in Rostock – doch mit der Aussicht auf eine Bankausbildung wechselte der 25-Jährige mit seinen Nationalteamkollegen Frank-Michael Wahl und Wieland Schmidt nach Hameln. 1994 kam Matthias Hahn nach Flensburg, wo der 110-fache Nationalspieler bis zur Meisterschaft 2004 zum Kader zählte – und 2006 mit 41 Jahren zuletzt nochmal in der Bundesliga aushalf.

Ob er sich heute eher als Flensburger oder als Mecklenburger fühlt? „Ich nenne mich scherzhaft immer noch Ossi“, erklärt Hahn – aber nach 20 Jahren könne er schon sagen, dass er sich als Flensburger fühlt.

Die Wende-Epoche hat Hahn jedenfalls als aufregende Zeit in Erinnerung. Ihm ist klar, dass er als Spitzensportler im Osten privilegiert gewesen ist. Matthias Hahn sagt: „Ich war genauso stolz darauf, in der DDR-Nationalmannschaft zu spielen wie nachher für die gesamtdeutsche.“ Unterschiede habe es ja weniger auf dem Spielfeld gegeben, sondern daneben. „In der DDR herrschte ein strenges Regiment, bei der gesamtdeutschen Mannschaft war es etwas lockerer.“ Hahn hat bei zwei Olympischen Spielen gekämpft – unter unterschiedlichen Vorzeichen: 1988 in Seoul für die DDR, 1992 in Barcelona für das gesamtdeutsche Handballteam.

Seine Tarnung war perfekt: Im guten Anzug mit einem riesigen Blumenstrauß, dem Lieblingsbuch in Geschenkpapier und der Geige war er der einzige Reisende gewesen, den die Grenzpolizei der DDR im Zug beließ. So erinnert sich Ulf Linstedt an seine Flucht im August 1989 über Ungarn. „Wir“, sagt er und spricht für sich und seinen Onkel aus Plön, „haben für mich eine Story erfunden“, damit er unverdächtig ausreisen konnte. Und diese Geschichte von der erdachten Hochzeit war offenbar glaubwürdig.

Er komme aus Chemnitz, sagt Linstedt, und beinahe rutscht ihm Karl-Marx-Stadt heraus. So hieß die Stadt in Sachsen, als er vor 52 Jahren dort geboren wurde. Heute lebt Professor Dr. Ulf Linstedt in Flensburg. Er hat Medizin in Jena studiert und ist seit zehn Jahren Chefarzt der Diako-Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie.


Galaktische Zufälle

Geplant hatten beide die Flucht schon 1988; sein Onkel kannte den Landrat, besorgte seinem Neffen einen Pass. In weiser Voraussicht hatte Linstedt in jenem Jahr ein ungarisches Visum beantragt und bekommen, aber nicht genutzt. 1989 wäre er damit nicht mehr weit gekommen, sagt er. Der Sachse spricht von galaktischen Zufällen – gepaart mit einer unvorstellbaren Naivität. In Budapest dann sahen sein Onkel und er sich wieder und hatten sich mit einer weiteren Erklärung gewappnet, um die Frage wegen des fehlenden Einreisestempels zu parieren. Doch das sei nicht mehr notwendig gewesen, sagt Ulf Linstedt. Just in jener Stunde öffneten sich Ungarns Grenzen. „Ich habe meinen DDR-Ausweis hochgehalten“, erinnert er sich, das genügte.

Kurz zuvor sei seine damalige Freundin, seine heutige Frau, in die Nähe von Göttingen zu einer Taufe bei Verwandten gereist. „Ganz normal mit einem Visum.“ Das Paar hat vier Söhne zwischen 16 und 23 Jahren, alle sind in Kiel geboren. In der DDR habe er sich „extrem unwohl gefühlt“, erklärt Linstedt im Rückblick. „Die Arbeit war durch die politischen Verhältnisse bedrückend.“ Seine heutige Frau habe als „Pfarrerstochter das ganze Programm“ der Schikane erlebt; beispielsweise habe sie keinen Studienplatz bekommen, obwohl sie das beste Abitur ablegte. Ihren Geschwistern blieb das Abi sogar gänzlich verwehrt. Er habe gewusst, dass er in diesem Land nicht vorankommen würde; beide entschieden sich für die Ausreise. Für die nächste Generation scheint all das unvorstellbar: „Obwohl wir ihnen das plastisch erzählen“, wundert sich der Familienvater heute, sei es für die vier Söhne, als „würde Opa vom Krieg erzählen“.

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