Zwangsarbeit bei der Werft: Zeitzeugen gesucht

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17. April 2012, 07:08 Uhr

flensburg | Die Spur führt an die Förde: Bei der Erforschung der Zwangsarbeit im Unternehmen Thyssen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs nimmt die Flensburger Schiffbau-Gesellschaft einen größeren Stellenwert ein. "Neben dem unternehmerischen Handeln beim Ausländereinsatz sollen auch die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der ausländischen Zivilarbeiter und Kriegsgefangenen untersucht werden", erklärt Thomas Urban, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Bonn. Sein Vorhaben gliedert sich ein in das große Projekt über die Unternehmer-Familie Thyssen im 20. Jahrhundert.

1867 gründete August Thyssen in Duisburg das Eisenwerk "Thyssen-Foussol", aus dem einer der größten integrierten europäischen Montankonzerne, die August-Thyssen-Hütte, hervorging. In der Zeit um den Ersten Weltkrieg wurde der Industrielle Mehrheitsaktionär bei der Flensburger Werft. Als Thyssen starb, vererbte er den Konzernteil, zum die Werft gehörte, an seinen Sohn Heinrich Thyssen-Bornemisza. "Wie er zum Einsatz der Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges stand, geben die Quellen nicht her", sagt Urban. "Aber um die einberufenen Deutschen zu ersetzen, wurden verstärkt Kriegsgefangene sowie auch Zivilarbeiter eingesetzt." Neben der traditionellen Beschäftigung dänischer Zivilarbeiter (im Frühjahr 1942 zehn Prozent der Belegschaft) arbeiteten bei der FSG bereits vor Kriegsbeginn rund 150 Tschechen. Ab Ende 1942 lassen sich mehr als 230 Belgier (Flamen) aus Antwerpen, ab Frühjahr 1943 über 100 französische Zivilarbeiter sowie ab Sommer 1943 über 50 Niederländer nachweisen. "Da sich in der zweiten Kriegshälfte die Rekrutierungsmethoden sowie der Aufenthalt am Arbeitsplatz im Deutschen Reich generell verschärften, sind die Flamen, Franzosen und Niederländer der FSG durchaus als Zwangsarbeiter einzustufen", so Urban. Dies treffe ab Mitte 1943 auch auf die verbliebenen Dänen zu. Bei den über 200 ukrainischen Zivilarbeitern ("Ostarbeitern"), die ab August 1942 bei der FSG arbeiteten, handelte es sich laut Urban um Zwangsarbeiter - ebenso wie bei den ab Ende 1942 zugewiesenen 50 polnischen Zivilarbeitern.

Aus dem Flensburger Stadtarchiv hat der Wissenschaftler bereits viel Zahlenmaterial gewinnen können. Um aber einen besseren Einblick in den Lebens- und Arbeitsalltag in den Lagern (Trollsee und Junkerholweg) zu bekommen, ist Urban auf die Unterstützung von Zeitzeugen und Nachfahren von Werft-Arbeitern angewiesen. Er hofft auch auf Kontakt zu den Nachfahren der damaligen FSG-Vorstände Ove Lempelius, Otto Ruscheweyh und Curt Mirswa. Wer Tagebücher, Fotos oder sonstige Dokumente hat, kann sich bei Urban melden: Tel.: 02302-1761322; E-Mail: thomas.urban@uni-bonn.de.

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