Flüchtlinge in Flensburg : Zukunftschance für 80 Cent pro Stunde

Beim Verein Zeitraum  in der Flensburger Neustadt arbeiten die Ein-Euro-Jobber Frank Thomsen (links) und Stephan Garcia-Voigtländer in der Fahrradwerkstatt.
Beim Verein Zeitraum in der Flensburger Neustadt arbeiten die Ein-Euro-Jobber Frank Thomsen (links) und Stephan Garcia-Voigtländer in der Fahrradwerkstatt.

Ob bei Zeitraum am Nordertor oder bei der Flensburger Tafel: Asylbewerber im Verfahren können hier den ersten Schritt Richtung Job machen

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20. Dezember 2017, 10:37 Uhr

Die Fahrradwerkstatt von „Zeitraum“ am Nordertor ist in den vergangenen Monaten internationaler geworden. Zwei afghanische Flüchtlinge im Asylverfahren hätten mit großer Begeisterung an den Rädern geschraubt. Die Ein-Euro-Jobber Frank Thomsen und Stephan Garcia-Voigtländer haben die Asylbewerber als engagierte Kollegen erlebt, sagen sie: „Man muss sich eben mit Händen und Füßen unterhalten“, erklärt Thomsen. „Ansonsten gab es keine Probleme.“

Natürlich sei die Sprache anfangs die größte Barriere gewesen, bestätigt auch Zeitraum-Geschäftsführer Rolf Müller: „Nur Arabisch und Fahsi wird schwierig.“ Das kleine, aber feine Projekt mit den ersten fünf Teilnehmern an der „Flüchtlingsintegrationsmaßnahme“ (FIM) soll gerade jenen Personen die Chance auf Betätigung geben, die früher nur Däumchen drehen durften, weil über ihr Asylbegehren noch nicht entschieden ist. Hier können sie aber schon erste Erfahrungen mit dem deutschen Arbeitsmarkt machen, soziale Kontakte knüpfen – und bekommen dreimal pro Woche anderthalb Stunden Extra-Deutschunterricht vom pensionierten Schulleiter Bernd Börensen von der Handelslehranstalt. „Hier haben sie die Chance, sehr unkonventionell und seicht an den Arbeitsmarkt herangeführt zu werden“, sagt Uta Weinerdt-Höfer vom städtischen Einwanderungsbüro.

Nach dem Erfolg des ersten Durchgangs mit Fahrrad-, Holz- und Kreativwerkstatt haben Stadt und Zeitraum die Zahl der Plätze seit Oktober auf zehn verdoppelt – bisher mit Froozan Salehi und Nada Zankana aber lediglich zwei Teilnehmer gewinnen können. Ob es an der geringen Aufwandsentschädigung liegt? Die Asylbewerber bekommen zusätzlich zu ihren Asylbewerberleistungen 80 Cent pro Stunde extra, während deutsche Teilnehmer an den Arbeitsgelegenheiten immerhin einen Euro pro Stunde gutgeschrieben bekommen: „Aus meiner Sicht ist das keine Form von Gleichbehandlung“, findet die städtische Fachbereichsleiterin Weinerdt-Höfer. Doch schließlich gebe der Bund das Geld – und entscheide auch.

490 Flüchtlinge im Asylverfahren gibt es aktuell in der Stadt Flensburg. Das Programm, zu dem im Sommerhalbjahr auch das Bequa-Projekt „Interkultureller Garten“ am Friedensweg gehört (wir berichteten), soll auf jeden Fall bis 2020 weiterlaufen. Uta Weinerdt-Höfer und Rolf Müller sind optimistisch, dass sich die Chance herumspricht, durch solch ein Projekt weiterzukommen: „Wir setzen auf Mund-zu-Mund-Propaganda.“

Auch die Flensburger Tafel an der Waldstraße bietet Plätze für Flüchtlinge als Tafel-Helfer. Rund 600 Familien kommen hier im Laufe der Woche vorbei, um sich mit den verschiedensten Lebensmitteln zu versorgen und auch mal einen Schnack mit den vielen freiwilligen Helfern zu führen. Rund 30 Ehrenamtliche und 22 Ein-Euro-Jobber sind es, die dort derzeit aktiv sind, um die Arbeit der Tafel in verschiedenen Bereichen zu unterstützen – von der Anlieferung der Lebensmittel über die Essenausgabe bis hin zur Verwaltung.

Tafel-Leiter Klaus Grebbin, der mit 20 Wochenstunden hauptamtlich beschäftigt ist, kann jede helfende Hand gebrauchen. Er selbst sei auch eher 50 bis 60 als die vertraglich vereinbarten 20 Stunden vor Ort: „Wir könnten hier gut noch 15 weitere Ehrenamtler gebrauchen, die unser Team unterstützen. Denn gerade im Winterhalbjahr gibt es immer wieder Ausfälle, deren Aufgaben wir dann mit abdecken müssen.“

Unterstützung erfährt Grebbin dieser Tage auch von Mirza Hossein Rahimi, einem 45-jährigen Flüchtling aus Afghanistan, der an der Tafel bei der Sortierung von Lebensmitteln, in der Küche oder beim Abholen von Lebensmittelspenden im Einsatz ist. Vermittelt wurde Mirza Hossein Rahimi an die Flensburger Tafel durch seine Teilnahme an einer Flüchtlingsmaßnahme.

> In beiden Projekten sind noch Plätze für Flüchtlinge frei: Kontakt über Gabriella Kristoffersen unter 85-4234 oder kristoffersen.gabriella@flensburg.de

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