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Solitüde Flensburg : Zuhause, wo die Wellen sind

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Lilly von Treuenfels ist mit gerade 18 Jahren Vize-Europameisterin im Surfen und rund um den Globus unterwegs

shz.de von
erstellt am 14.Nov.2017 | 05:13 Uhr

Einem Magazin gegenüber hat Lilly von Treuenfels unter anderem Solitüde genannt als einen ihrer fünf Lieblingsorte in der Welt. Das ist erklärungsbedürftig für eine gerade 18 gewordene Weltenbummlerin, deren Stationen sich so lesen, als wären sie die nächste Ausgabe von 1001 Orte, die man gesehen haben muss, ausgewählt worden. Lilly hat Großeltern in Mürwik und in Westerholz und sie als Kind oft besucht.

Die Exotik fängt schon mit ihrem Geburtsort Kapstadt in Südafrika an und habe mit der Arbeit ihres Vaters zu tun, sagt Lilly. Nach vier Monaten sei die Familie nach Hamburg gezogen, wo sie, abgesehen von Unterbrechungen, aufgewachsen sei. Eine einschneidende davon war auf Barbados, übrigens auch unter den Top fünf von Lillys Lieblingsorten. Auf dem mittelamerikanischen Inselstaat im Atlantik lebte die Familie ein Jahr lang, erzählt die 18-Jährige. Die Mutter, eine Lehrerin, verbrachte ein Sabbatjahr, ihr Vater arbeitete an einem Projekt. Sie war noch nicht zehn, als sie auf karibischen Wellen das Surfen für sich entdeckte. Wäre sie auf Barbados geblieben, sagt sie selbstkritisch mit Blick auf ihre sportliche Karriere, „wäre da mehr Potenzial“.

Dabei zählt sie zu den Besten. Seit 2011 ist sie Mitglied des Deutschen Nationalteams. Im vorigen Jahr hat sie die Deutschen Meisterinnen der Juniorinnen gewonnen. Bei der Europameisterschaft in Norwegen wurde die Wellenreiterin zweite. Kurz darauf in Dänemark gewann sie einen Wettbewerb, an dem mit 13 weiteren Frauen relative viele Konkurrentinnen am Start waren. Und davor trat die Norddeutsche in Japan und auf Sylt an.

Oft, erinnert sich Lilly, sei sie bei Wettkämpfen früher das einzige Mädchen gewesen und bedauert das. Den Respekt vor dem Meer kann sie nachvollziehen, aber sie macht Mädchen Mut, wenn sie surfen, an den Wettbewerben teilzunehmen, „denn dafür sind sie da“. Die Wellen, die sie wähle, seien nicht zu hoch, der Kopf schnell wieder an der Luft, „man ist nie lange unter Wasser“, sagt sie und freut sich darauf, demnächst das Apnoetauchen zu lernen.

„Selbst wenn man bei Weltmeisterschaften und Europameisterschaften nicht so gut abschneidet“, habe sie durch das Surfen so viele Kulturen und Menschen kennen gelernt, sagt Lilly dankbar und gewinnt so immer. Neulich habe sie mit ihrer Familie mal durchgezählt, in wie vielen Ländern sie schon war. 28 war das Ergebnis!

Nachdem sie als fast Zehnjährige auf Barbados mit dem Surfen begann, zog sie mit zwölf für drei Monate nach Frankreich. Zwei Jahre später habe sie das nochmal gemacht, dann mit dem Ziel Costa Rica und dem Zeitraum ein halbes Jahr. „Das habe ich mir so ausgesucht“, erläutert Lilly von Treuenfels, „ich wollte gern surfen.“ Sie ist zielstrebig und planvoll, hat sich die Sprache, Land und Surfspot ausgewählt und einfach gemacht.

Und es geht so weiter. Die letzten zwei Jahre hat die 18-Jährige auf Lanzarote gelebt, dort das britische Schulsystem besucht und in diesem Jahr ihr Abi gemacht. Ihre Familie wohnte währenddessen auf Curaçao in der Karibik. Lilly von Treuenfels wirkt unaufgeregt, unkompliziert, spricht durchdachte Sätze und lächelt freundlich. Sie scheint schnell erwachsen geworden zu sein und ist doch ein Familienmensch. Bevor sie Wellenreiterin wurde, habe sie häufig mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester die Großeltern in Mürwik und Westerholz besucht, sagt das „Papa-Kind“. So nennt sie sich, weil sie mit ihrem Vater auf dem Board steht. Später wurden die Wiedersehen der Familie häufiger nach Lanzarote verlegt, da ließ sich das Surfen und Familienfest verbinden.

Noch ein paar Tage verbringt die Flensburgerin in Flensburg, weil sie hier, ganz bodenständig, ihren Führerschein macht. Auch das verfolgt einen Plan, der nicht schief gehen darf. Der deutsche Führerschein sei wertvoll und in vielen Ländern akzeptiert, das weiß sie etwa von ecuadorianischen Freunden. Die theoretische Prüfung gestern lief gut, sagt von Treuenfels und ist „mal gespannt auf die Praxis“ am Montag nächste Woche. Kurz darauf wird Lilly, die gern draußen aktiv ist, läuft, radelt, schwimmt und trotzdem „super gern“ Urbanität mag, dem norddeutschen Herbstwetter entfliehen zu ihrer Familie nach Curaçao.

Lilly von Treuenfels will „auf jeden Fall studieren“, BWL wahrscheinlich, und hat trotzdem für die Entscheidungsfindung bis zum Sommer jede Menge Praktika verabredet – „alles vom Börsenmakler bis zum Fischer“. Da könne sie nebenbei surfen. Naja, umgekehrt: „Ich surfe und nebenbei mache ich die Praktika“, sagt Lilly und lächelt.

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